Erik Dilloo

"Wie erlangt man
Erkenntnisse der höheren Welten?"
von Rudolf Steiner
und das
YOGA SUTRA

Der Internet- Beitrag, der jahrelang unter der Adresse   www.dilloo.de/wie.html    zu finden war, ist gründlich überarbeitet worden und von November 2018 an im Buchhandel als Taschenbuch erhältlich.

© 2018 Erik Dilloo-Heidger, Rottweil
ISBN 978-3-7481-1214-3
340 Seiten € 16,40
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt



Yoga wurde im 19.Jahrhundert von Europäern ent­deckt. Schon Georg Friedrich Hegel diskutierte mit den Brüdern Schlegel und Wilhelm von Hum­boldt über die Frage, was Yoga sei. Indologen waren auf die alte, in Sans­krit formulierte systematische Anleitung zur Medi­ta­tion gestoßen, die den Namen „YOGA SUTRA“ des Pataňjali trägt. Englischspra­chige Über­setzungen dieses Textes wurden um 1880 von Theoso­phen ver­brei­tet.

In Wien hatte sich Friedrich Eckstein, ein Freund von Rudolf Steiner, schon früh für Yoga interessiert; Sig­mund Freud und Gustav Meyrink berichten dar­über; einige Theosophen experimentierten nach den An­wei­sungen des „YOGA SUTRA“. Um 1890 erörterten Fried­rich Eckstein und Rudolf Steiner „viele, viele Stun­den, bei Tag und bei Nacht, alle mögli­chen Fragen der Mensch­heit...“ - darunter auch Probleme des Yoga und der indischen Philo­sophie; Eckstein war ein Experte in diesen Fragen.

In verschiedenen Aufsätzen (1904/05) reflektierte Ru­dolf Stei­ner das theosophische Interesse am Yoga und inter­pretierte wesentliche Inhalte, die im klassi­schen Text des „YOGA SUTRA“ zu finden sind. Die vorlie­gende Studie zeigt, wie sich Steiner auf diesen Text des Yoga bezieht.


Ein ausführlicher Apparat im Anhang enthält den da­mals von W.Q.Judge herausgegebenen Text „YOGA SUTRA“ (englisch / deutsch), Aus­züge aus weite­ren Schriften zum Yoga, die zwi­schen 1880 und 1910 disku­tiert wurden und ein umfangreiches Literaturverzeichnis zu diesem Thema.


Aus der Einleitung:

Wege und Holzwege

In den letzten Jahren entstehen Initiativen, die sich der „anthropo­sophi­schen Meditation“ widmen. Aber gibt es überhaupt eine spe­zifisch „anthroposophische“ Meditation? — Um diese Frage zu klä­ren, empfiehlt es sich, die um 1904/05 verfassten und später immer wieder überar­beite­ten Aufsätze Rudolf Steiners mit dem Titel „Wie erlangt man Er­kenntnisse der höheren Welten?” zu befragen.

Nach überlieferter anthroposophischer Auffassung formulieren diese Auf­sätze den soge­nann­ten „anthroposophischen Schulungsweg”. Seit Gün­ther Wachsmuth1 wird diese Bezeichnung bis in unsere Zeit weitergege­ben, neuer­dings von Lorenzo Ravagli: „Steiner beschrieb den anthro­posophi­schen (rosen­kreuzeri­schen) Schu­lungsweg ausführlich in einer Folge von 16 Auf­sätzen, die zwischen Juni 1904 und September 1905 erschie­nen.”2 Aber diese tradierte formelhafte Bezeichnung ist unbe­gründet und — falsch.

Die vorliegende Studie kommt zu einem anderen Schluss: Jene be­sagten 16 Aufsätze, die später in der Schrift „Wie erlangt man Er­kenntnisse der höheren Welten?” zusammengefasst wurden, be­schreiben nicht den an­throposophischen - und erst recht keinen rosenkreuzerischen Schu­lungs­weg. In diesen Aufsätzen analy­siert Rudolf Steiner paraphra­sierend und kommentierend den indischen Yoga, wie er in theosophi­schen Kreisen zwischen 1880 und 1900 anhand des Yoga Sutra nach Patañ­jali studiert wurde. Der sogenannte „anthroposophische Schulungsweg” wur­de von ihm im Anschluss daran (1905-1908/ 1909) ausfor­mu­liert. Da­bei sind die Erkenntnisse, die Steiner am Yoga Sutra ge­wonnen hatte, ein­ge­arbeitet worden.

Ausführliche Recherchen zeigen, dass Steiner in seiner Schrift von 1904/05 spezifische Inhalte aus dem indischen Kulturkreis paraphrasiert und dem Urteil unterworfen hat, das sich um die Jahr­hun­dert­wende in der theoso­phischen Bewegung über den Yoga gebildet hatte. Diese Inhalte findet man in folgenden Schriften, mit denen sich Theosophen in Indien um 1880 beschäftigt haben und die damals ins Englische übersetzt und gedruckt wurden:

Wir werden diese Texte und ihre Wirkungsgeschichte innerhalb der theo­sophischen Bewegung hier vorstellen. Etwas mehr als die Hälfte von Stei­ners „Wie erlangt man..?“ (53%) bezieht sich auf das Yoga Sutra und etwa 22% auf den Text „Shat Chakra Nirupa­na”. Der Rest von Steiners Darstel­lung bezieht sich auf verschiedene andere Inhalte, die um die Jahrhun­dertwende in der theosophischen Bewegung disku­tiert wurden. In ver­schiedenen Exkursen geht Steiner darauf ein:

Wenn man das heute zur Verfügung stehende Material sichtet, so gewinnt man den Eindruck, dass die theosophische Bewegung in Deutschland und Österreich vor der Jahrhundertwende nicht primär auf Blavats­ky, sondern unabhängig von ihr direkt auf indische Inhalte bezo­gen war. Diese Ein­sicht überrascht. Bisher war man davon ausgegangen, die theo­sophische Bewe­gung in Deutschland habe sich nur sekundär auf indische Inhalte bezo­gen.

Auch das Umgekehrte ist der Fall: zeitgenössische indische Spirituali­tät, sofern sie sich auf Vivekananda und europäisierte Vermit­tler der Yoga- Phi­loso­phie bezieht, ist durch europäische indologi­sche Forschung im 19.Jahrhun­dert und auch durch theosophischer Vermittlung stark be­ein­flusst worden. In diesem gegenseitigen Verhältnis bildete sich der Yoga- Begriff, den man heute in der esoterischen Bewegung antrifft. Eine Ex­per­tin des „Modern Yoga“, Elizabeth de Michelis, hat in ihrer viel beachteten Studie „A History of Modern Yoga” auf dieses rezi­proke Verhältnis hinge­wiesen3.

Die vorliegende Studie stellt die Frage:

Wie setzt sich Rudolf Steiner mit dem Yoga auseinander? Und wie schlägt sich dies in seiner Schrift „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ von 1904/05 nieder? Sie überblickt die Dis­kussion, die innerhalb der deut­schen und österreichi­schen theosophischen Bewegung zwischen 1880 und 1900 zum Thema „Yoga“ stattgefun­den hat. Eine zentrale Rolle spielte dabei das Yoga Sutra des Patañjali, der im 3./4. nachchristlichen Jahrhundert die Yoga- Philo­sophie der davor liegenden Zeiten zusam­mengefasst hatte. Theosophen stellten sich die Frage, ob mit den Methoden des Yoga „Er­kenntnisse höherer Welten” zu erwarten seien. Rudolf Steiner hat diese Fragestellung aufgegriffen.

Anders als man vermuten würde, kommt Steiner zu dem Schluss: mit der Yoga- Methode, die im „Yoga Sutra“ beschrieben ist, kommt man „nur” zu einer Art von spiritueller Selbsterkenntnis, nicht zu darüber hinausge­henden oder sonstwie gearteten „höhe­ren Er­kennt­nissen”. Zur Verdeut­lichung seiner Position hat Steiner das Bildmotiv des „Türhüters” aus dem Chassidismus herange­zogen (→ S.49, 189, 194, 324).

Rudolf Steiners „Wie erlangt man...?“ ist also eine Studie, keine Lehr­schrift und erst recht nicht die Formulierung des „anthroposo­phischen Schu­lungsweges“. In späteren, auf diese Studie folgenden Schriften (1905- 1908, 1909) formulierte Steiner dann erst unter Berücksichtigung der Er­kenntnisse, die er in der Aus­einan­der­setzung mit dem Yoga gewonnen hatte, seinen „anthroposophischen Schulungs­weg“.

Noch eine überraschende Entdeckung kann man machen: Aus dem Kontext von Steiners Aufsätzen von 1904/05 ergibt sich: Steiner muss schon um 1888/90 mit der Yoga- Philoso­phie bekannt geworden sein – und zwar durch Friedrich Eckstein. Eckstein be­schäftigte sich damals sehr intensiv mit indischer Philosophie; er hat nicht nur Steiner, sondern auch Sigmund Freud, Gustav Meyrink, Karl Weinfurter und einen großen Kreis weiterer Interessenten damals mit den Ideen des Yoga bekannt gemacht. In Äußerungen am Ende seines Lebens bezeichnete Friedrich Eckstein Rudolf Steiner als seinen „Schü­ler in okkul­tem Wissen“:

Allgemein interessieren wird, namentlich in anthroposophischen Krei­sen, dass Eckstein erzählte, er sei Steiner, gerade im okkulten Wissen, Lehrer gewesen – Steiner nimmt offenbar darauf Bezug in seinem Brief vom November 1890 – , und er habe ihn mit Julius Schröer, dem geist­vollen Goethekenner, damals Pro­fessor an der Wiener Technischen Hoch­schule, bekannt gemacht, eine Tatsache, die in Rudolf Steiners Leben frucht­barste Bedeutung haben sollte”4.

Die Ergebnisse der vorlie­genden Studie werden in fünf Schritten entfaltet:

Nach einer Klärung der Frage, was „Geheimlehre” und „Ge­heim­schu­lung” im 19.Jahrhundert bedeutet (Kapitel 1.3), be­trachten wir, wer in der theosophischen Bewegung sich mit Yoga beschäftigt hat:

Der Bogen reicht von indischen Denkern (Saraswati, Sabhapati, Vive­kananda) über H.P.Blavatsky zu W.Q.Judge, Annie Besant, Franz Hart­mann, Friedrich Eckstein, Wilhelm Hübbe-Schleiden und Gustav Mey­rink – denn auch er war vorübergehend Theo­soph... (Kapitel 2).

Dann wird die Situation ins Auge ge­fasst, in der Steiner seinen Text von 1904/05 verfasst hat (Kapitel 3)

Im 4.Kapitel werden einzelne Textabschnitte aus dem Yoga Sutra den inhaltlich entsprechenden Ab­schnit­ten von Steiners „Wie erlangt man...?” tabella­risch einander gegen­überge­stellt.

Schließlich werden Inhalte von Steiners „Wie erlangt man..?“ gezeigt, die vom Yoga Sutra abweichen (Kapitel 5) und im sechsten Kapitel werden mögliche Schluss­folgerungen gezogen.

Der Anhang (Kapitel 7) präsentiert einige wichtige Quellen­texte zum Yoga, die damals diskutiert wurden. Diese Texte sind zwar jedermann zugänglich, aber bisweilen etwas müh­selig aufzufinden. Für ein leich­teres Studium werden sie daher unserem Text angeheftet.

Hilfreich für die hier vorgestellte Studie waren neben Hübbe-Schlei­dens „Indi­schem Tagebuch”5 vor allem Mircea Eliades klassische Ab­hand­lung über den Yoga6, Karl Baiers „Meditation und Moder­ne”7, sowie die „Yoga – Biographie“ von David Gordon White8. Um den ohnehin komplexen In­halt nicht noch mehr zu belasten, wurde das Thema „Chakra- Lehre“, das eben­falls in Steiners „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Wel­ten?“ be­handelt wird, aus dem vorlie­gen­den Text herausgenommen.









1Wachsmuth, Günther; Rudolf Steiners Erdenleben und Wirken. Dornach 1951 S.44ff

2Ravagli, Lorenzo; In: https://anthroblog.anthroweb.info/2015/wie-erlangt-man-erkenntnisse-der-hoeheren-welten-ein-ueberblick-i/

3de Michelis, Elizabeth; A History of Modern Yoga. Patañjali and Western Esotericism. London / New York 2005

4Edmund Schwab. Aus meinen Erinnerungen an Friedrich Eckstein. In: Blätter für Anthroposo­phie V. Jg. (Hg. Hans Eberhard Lauer) Basel 1953, S.180

5Hübbe-Schleiden, Wilhelm; Indisches Tagebuch 1894/1896. Herausgegeben von Norbert Klatt. Göttingen 2009. Nur als Internetfassung gegeben:
www.klatt-verlag.de/wp-content/uploads/2014/06/Huebbe-Tagebuch.pdf

6Eliade, Mircea; Yoga: Unsterblichkeit und Freiheit (1967) Frankfurt aM. 1985

7Baier, Karl; Meditation und Moderne. Zur Genese eines Kernbereichs moder­ner Spiritualität in der Wechselwirkung zwischen Westeuropa, Nordamerika und Asien. Würzburg 2009 Bd I S.315-420

8White, David Gordon; The Yoga Sutra of Patañjali. Princeton 2014