3. Vor den Toren der Anthroposophie:
- der französische Okkultismus im 19.Jahrhundert

3.1. Zur Fragestellung
3.2. Der französische Okkultismus
3.3. Die Memphis- und Mizarim- Freimaurerei
3.4. Zwischenbilanz


Klickverweise:
Zu den Fußnoten dieses Textes

Zur Ausgangsseite

Zu den Literaturangaben


3.1. Zur Fragestellung

Es gibt vielerlei gute Gründe, sich die Beziehungen zwischen Anthroposophie, Theosophie und dem Okkultismus des 19.Jahrhunderts näher anzusehen. Nur einige seien genannt:

- Beispielsweise ist in der letzten Zeit der Vorwurf erhoben worden, Steiners Werk enthalte rassistische Äußerungen. Im vorliegenden Text wird gezeigt, dass die Steiner- Texte, welche für diesen Vorwurf herangezogen werden, auf die okkultistische Literatur des 19.Jahrhunderts bezogen sind. In der okkultistischen Literatur des 19.Jahrhunderts gibt es Passagen einer naiven, imperialistisch geprägten Rassenlehre.

- Befremden lösen in Theologenkreisen immer wieder Steiners bibeltheologische Darstellungen aus. Auch diese stehen im Kontext zur okkultistischen Literatur des 19.Jahrhunderts. Wer diesen Kontext kennt, dem wird klar, dass Steiners bibeltheologischer Ansatz mit okkultistischen Ideen des 19.Jahrhunderts zusammenhängt..

Der Begriff "Okkultismus" wurde an anderer Stelle als ein Phänomen charakterisiert, das im Zuge der religionsgeschichtlichen Entdeckungen des 19.Jahrhunderts entstanden war. Dass wesentliche Inhalte der theosophischen Bewegung durch Helena Petrovna Blavatsky aus dem Okkultismus des 19.Jahrhunderts genommen sind, wurde auch schon dargestellt. Der hier vorgelegte Text will keinesfalls alle Vertreter und Inhalte des Okkultismus im 19.Jahrhhundert behandeln, sondern nur solche, die im Umkreis von H.P.Blavatsky anzutreffen sind.

Ein Ausgangspunkt des Okkultismus war die Theorie, dass das religiöse und philosophische Denken des Abendlandes aus einer "ursprünglichen Quelle" abgeleitet werden könne. Man bezog sich dabei auf die Kabbala und die Hermetik. Der Franzose Antoine Fabre d'Olivet (1767 - 1825) vertrat diesen Gedanken in seinen Schriften "La langue hébraique restituée" und die "Histoire philosophique du genre humain" (s.u.) Die mystische Mizraimfreimaurerei, der auch Fabre d'Olivet angehört haben soll, wollte die alte, "ägyptische" Religion wieder zum Leben erwecken. Eliphas Lévi (1810-1875) knüpfte an Fabre d'Olivet an. Er erweiterte die bisherigen Sichtweisen durch den Spiritismus. Der Lévi - Schüler Papus wiederum systematisierte gegen Ende des 19.Jahrhunderts die Ergebnisse des französischen Okkultismus. Mit diesen drei Namen sind die drei Phasen des französischen Okkultismus bezeichnet:

  1. Romantischer Ausgriff - Fabre d'Olivet
  2. Spiritismus - Eliphas Lévi
  3. und lehrhafte Systematisierung - Papus

Die okkultistischen Fragestellungen haben als erstes französische Autoren aufgeworfen. Einen besonderen Einfluss auf Blavatsky und später dann auch auf den englischen Okkultismus hatte Eliphas Lévi (1810 - 1875), der als "docteuer du haute magie" von sich reden machte. Sein Schüler, der Arzt Gérard Encausse (1865 - 1916), brachte unter dem Pseudonym "Papus" dieses Denken zu einem Abschluss. Den Schriften von Papus kann man entnehmen, welchen Umfang das okkultistische Denken gegen Ende des 19.Jahrhunderts in Frankreich angenommen hatte. Papus leitete ein privates Institut zur Lehre des Okkultismus in Paris. Seine Lehrbücher und vor allem die von ihm herausgegebene Bibliographie(1) okkultistischer Literatur sind ein geeignetes Nachschlagewerk, in dem man sich darüber informieren kann, welchen Umfang das okkultistische Denken im Übergang zum 20.Jahrhundert erreicht hatte.

Seit den Sechziger Jahren des 19.Jahrhunderts waren parallel dazu in England Bewegungen entstanden, welche in den einflussreichen Orden des Golden - Dawn mündeten. Es bestanden enge Verbindungen zwischen den okkultistischen Kreisen Frankreichs und Englands. Blavatsky benützte für ihre Werke Literatur aus beiden Richtungen. Sie stand auch mit Vertretern beider Richtungen (französisch: Lévi, englisch: Mathers) und darüber hinaus zu amerikanischen Okkultisten (John Yarker) in einem persönlichen Kontakt.

Weil sich Steiners Anthroposophie von Blavatskys Theosophie her entwickelte, ist über diese Brücke eine Beziehung der Anthroposophie zum französischen und englischen Okkultismus gegeben. Natürlich will ich nicht Steiners Anthroposophie aus diesem Okkultismus herleiten. Dieses Motiv wird mir bisweilen zu Unrecht untergeschoben. Aber Steiners Anthroposophie schließt an dieses Denken an. Auf diesen oft vergessenen Gesichtspunkt will ich mit meinen Texten hinweisen. Mir geht es um den großen Kontext, in dem Blavatskys Theosophie und dann später auch Steiners Anthroposophie stehen. Steiner werden oft fälschlicherweise Inhalte zugeschrieben, die er zwar verbreitet hat, die aber nur von ihm verwendete Versatzstücke aus dem Okkultismus des 19.Jahrhunderts sind.

Von Fabre d'Olivet über Eliphas Lévi, H.P.Blavatsky, Papus bis hin zu den englischen Vertretern des Okkultismus (besonders S.L.McGregor Mathers) wurde die Kabbala als das Höchste der "Geheimlehre" betrachtet. Die Vertreter des Okkultismus kannten die Kabbala aber nur in kleinen Aussschnitten, kontextlos und dazu aus Übersetzungen zweiten und dritten Grades 2. Trotzdem - oder gerade deshalb - war die jüdische Kabbala ein zentrales Element im okkultistischen Denken ind in den Riten verschiedener Geheimorganisationen des 19.Jahrhunderts. Mit der Kabbala hatte Blavatsky einen Zipfel ihrer vermuteten "Urreligion" in Händen. "Kabbala" war jene vermutete "ägyptische Priesterweisheit", von der Lévi angenommen hatte, Moses habe sie nach Israel mitgenommen und Jesus habe sie im Geheimen gelehrt. Auch Steiner hat bekanntlich diese okkultistische These vertreten. Weil er diese Sichtweise des Okkultismus nicht kritisch hinterfragte, kam er mit seinen Bibeldeutungen in einen widerspruch zur heutigen Theologie. Steiners Verhaftetsein im Denken des 19.Jahrhunderts ist es auch zuzuschreiben, dass er sich über einen Zeitraum von acht Jahren innerhalb der Yarker- Freimaurerei betätigt hat. Der Amerikaner John Yarker (1833-1913) verlegte das Studium der Kabbala in die höchsten Grade seines freimaurerischen Systems. Und die englische mystische Bewegung des Golden Dawn stellte aus (pseudo-) kabbalistischen Versatzstücken seine Riten zusammen.

Die Gedanken des französischen Okkultismus kreisen um Inhalte der Kabbala, um Fragen der mystischen Versenkung, sowie um Probleme der Religionsgeschichte. In ihrem ersten großen Werk "Isis Unveiled" (1977), bearbeitete Blavatsky bekanntlich diese Fragestellungen vor einem kabbalistischen, rosenkreuzerischen und hermetischen Hintergrund. In ihrem zweiten Werk "Secret Doctrine" (1888) war Blavatsky ja dann vom neuplatonisch- kabbalistischen zum hinduistisch- buddhistischen Paradigma übergewechselt.

3.2. Der französische Okkultismus

3.2.1. Alphonse Louis Constant alias Eliphas Lévi: "Magie" als Antwort auf das Problem des biblischen Wunders

Im ersten Drittel des 19.Jahrhunderts ging der französische Okkultismus dem englischen voraus und wird hier deshalb zuerst angesprochen. Der englisch- amerikanische Okkultismus griff die selben Themen nach 1860 auf und führte sie dann entsprechend den eigenen Traditionen weiter.

Alphonse - Louis Constant (1810 - 1875), bekannt unter seinem Pseudonym Eliphas Lévi, galt im 19.Jahrhundert in einschlägigen Kreisen als eine anerkannte Größe für die Fragen des Okkultismus. Er veröffentlichte Studien über den Mesmerismus, die Kabbala und über biblische Themen. Auch politische Anliegen vertrat er und zwar im Sinne der französischen Sozialisten. Deshalb musste er zeitweilig Frankreich verlassen. In London soll er 1854 bei Seancen den Geist des Apollonius von Tyana beschworen haben. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich trat er nur noch unter dem Namen 'Eliphas Lévi' auf. Er veröffentlichte:

- La Clef des Grandes Mystères, Paris 1854

- Dogme de la Haute Magie, Paris 1856

- Rituel de la Haute Magie, Paris 1860 (In dieser Schrift wird Lévis Theorie des Tarot ausgebreitet, welche im Okkultismus eine besondere Aufnahme fand).

- Histoire de la Magie, Paris 1859

- Einweihungsbriefe in die Hohe Magie und Zahlenmystik. Paris 1861

- Le livre des splendeurs contenant Le soleil judaique, La gloire chrétienne et L'étoile flamboyante. Paris (Jahr ?)

- Clefs majeurs et clavicules de Salomon Paris (Jahr ?)

- La science des esprits. Révélation du dogme secret des kabalistes; Esprit occulte des évangeles; Appréciation des doctrines et des phénomèmes spirites. Paris, 1865.

Eliphas Lévi hatte ursprünglich als katholischer Theologe und Priester eine aussichtsreiche Laufbahn begonnen. Nach seinem Ausscheiden aus dem kirchlichen Dienst beschäftigte er sich vornehmlich mit spiritistischen und magischen Themen. In seinem Denken blieb Lévi aber weiterhin recht 'katholisch - konservativ' im Sinne des französischen Katholizismus seiner Zeit: Dieser betonte einen Vorrang des Glaubens vor dem Wissen und hob alles Mystische heraus. Das Priestertum wurde mittelalterlich aufgefasst, wie auch alles Sakramentale. Auf das katholische Dogma griff Lévi gleichermaßen zurück wie auf magische und spiritistische Thesen.

Für den Okkultismus wurden Lévis Sichtweisen prägend. Lévi verließ schon bald die traditionellen Wege und betrat als Theologe ein Neuland, das sich durch die neuen Funde auf religionsgeschichtlichem Gebiet ergab. Er blieb nicht bei der Theorie stehen, sondern probierte stets auch aus, was er über den Spiritismus in Erfahrung brachte. Vor allem der geheimnisvolle Bereich der Kabbala hatte es ihm angetan. Recht unbedarft und nur mit oberflächlichen Kenntnissen über dieses Gebiet ausgestattet, bediente er sich großzügig an den Früchten, die er in dem fremden Garten fand. Lévis Interesse an der Kabbala übertrug sich auf seine Nachfolger, so dass die Kabbala zu einem Kernbereich des Okkultismus im 19.Jahrhundert wurde. Dabei war Lévi nicht zimperlich, was historische Zuordnungen betraf. Er arbeitete autodidaktisch ohne eine Anleitung durch einen Lehrer, der ihn in die jüdische Mystik hätte einführen können. Der Kabbalaspezialist Gershom Scholem entrüstete sich deshalb und gab ein vernichtendes Urteil über Lévi ab:

"Von den oft großartigen Missverständnissen und Verfälschungen des Alphonse Louis Constant, der unter dem Pseudonym Eliphas Lévi berühmt geworden ist, bis zu dem anspruchsvollen Schwindel Aleister Crowleys und seiner Anhänger sind die phantastischsten und extravagantesten Behauptungen aufgestellt worden, die den Anspruch erhoben, legitime Deutungen der Kabbala darzustellen" 3.

Die okkultistische Bewegung schuf sich gewissermaßen eine eigene Hermeneutik und pflegte ihre Lieblingsideen auch dann noch weiter, als sich herausgestellt hatte, dass sie sich verrannt hatte. Das Pseudonym "Eliphas Lévi" war für Alphonse Louis Constant zugleich Name als auch theologisches Programm. Mit "Lévi" (=Levite) sprach Alphonse Louis Constant eine Tradition an, welche das Priestertum im Volk Israel weitergab 4. Und "Eliphas" bezieht sich auf den Propheten Elijas, der ja bekanntlich mit seinem Wagen bis in die höchsten Höhen des Himmels gelangte5. Neben diesen anspruchsvollen Pseudonymen legte sich Alphonse Louis Constant auch noch den selbsterfundenen Titel eines "Doktors der Hohen Magie" zu. Man würde bei solch einem großmächtigen Auftreten wohl an einen religiösen Hochstapler denken wollen. Aber was sich hier großtuerisch hervortat, hatte trotz allem vordergründigen Showgehabe ein einfältiges, "französisch- fromm- katholisches" Herz. Eliphas Lévi beschäftigte sich mit Fragen, welche das zwanzigste Jahrhundert unter der Rubrik "Spiritismus", "PSI- Forschung", "Esoterik" und "Erforschung des Unbewussten" weiter beschäftigen werden. Das im Golden Dawn entwickelte Tarot wurde durch Lévi angeregt. Auch Helena Petrowna Blavatsky übernahm von Eliphas Lévi viele Ansichten, besonders was die Deutung der Person Jesu und biblischer Inhalte betraf6.

Der "Doktor der Hohen Magie" liebte es, als Ratgeber bei spiritistischen Problemen zu Rate gezogen zu werden. Im Bereich der Theologie beschritt Lévi neue Wege. Er griff vor allem Fabre d'Olivets Anregung auf, die jüdische Haggada und die Kabbala zu lesen, um damit biblische und exegetische Probleme zu lösen 7. Fabre d'Olivet8, auf den sich Eliphas Lévi bezog, schrieb Werke, die in okkultistischen Kreisen viel gelesen wurden: "Les Vers dorés de Pythagore", "La langue hébraique restituée" und die "Histoire philosophique du genre humain"9. D'Olivets weitläufige, phantastische Spekulationen haben das Denken vieler Okkultisten in die Irre geführt. Auch Eliphas Lévi. Indem er d'Olivets Wegen folgte, verlegte er die mittelalterliche Kabbala ins Altertum, verwechselte den lehrhaft- legendären Stil des Midrasch mit Geschichtsschreibung und konnte dem Phänomen des Mythos keinen eigenen Charakter einräumen. Jesus wurde deshalb bei Lévi zu einem Magier und Kabbalisten, der geheime Lehren des Judentums öffentlich vertreten habe. Lévi folgert: Jesus sei deshalb, quasi wegen einem Mysterienverrat, vor dem Synhedrion angeklagt und den Römern zur Kreuzigung überführt worden10.

Zu dieser Annahme kam Eliphas Lévi, weil er die mittelalterliche Schrift "Toledot Jesu" heranzog, um das Leben Jesu zu deuten. Lévi meinte, dass er mit dieser Schrift eine antike, zur Lebenszeit Jesu entstandene literarische Quelle für das Leben Jesu erschlossen habe. In Wirklichkeit handelt es sich aber bei dem Toledot Jesu um eine mittelalterliche jüdisch- apologetische Schrift11. Sie ist unbrauchbar für das Vorhaben, geschichtliche Aussagen über das Leben Jesu zu gewinnen. Aber Eliphas Lévi sah, durch diese Schrift veranlasst, Jesus als einen "Eingeweihten der Kabbala" an. Dieser Annahme folgte Blavatsky - und später dann auch Steiner. An diesem Beispiel wird deutlich, wie die okkultistische Bewegung an einmal eingenommenen Sichtweisen festhält. Blavatsky:

"Nachdem Maria die Mutter eines Sohnes, genannt Jehosuah, geworden und der Knabe erwachsen war, gab sie ihn in die Obhut des Rabbi Elhanan und das Kind schritt fort in der Wissenschaft; denn es war mit Geist und Gemüt wohl ausgerüstet."
"Rabbi Jehosuah, Sohn der Peachia, vollendete die Erziehung Jehosuah's (Jesu) nach Elhanan und initiierte ihn in der Geheimlehre (- gemeint ist hier die Kabbala- ); aber da der König Janneus den Befehl gegeben hatte, alle Initiierten zu töten, floh Jehosuah Ben Perachiah nach Alexandrien und Ägypten und nahm den Knaben mit sich."
"In Alexandrien, so fährt die Geschichte fort, wurden sie in dem Hause einer reichen und gelehrten Frau aufgenommen (das personifizierte Ägypten). Der junge Jesus fand sie schön , trotz 'eines Mangels in ihren Augen' und sagte es seinem Meister. Da er dies hörte, wurde letzterer sehr zornig darüber, dass sein Zögling in dem Lande der Knechtschaft irgend etwas gut fand, sodass er ihm fluchte und den jungen Mann fortjagte. Dann folgte eine Reihe von Abenteuern, die in allegorischen Sprüchen wiedergegeben werden und die zeigen, dass Jesus seine Initiation in die jüdische Kabbala durch Erlangung der Geheimwissenschaft Ägyptens ergänzte. Als die Verfolgung aufhörte, kehrten sie beide nach Judäa zurück."
12

Die Tendenz dieser Jesus- Darstellung ist deutlich: Jesus wird als ein intimer Kenner der jüdischen Kabbala dargestellt. Durch den Besitz der Kabbala glaubten die mittelalterlichen Juden im Besitz der mosaischen Urüberlieferung zu sein. Im Kampf zwischen "Kirche und Synagoge" bot das Bewusstsein, in der mosaischen Urüberlieferung zu stehen, ein wesentliches Motiv, am Glauben der Väter festzuhalten, allen Verlockungen und Drohungen der Kirche zum Trotz. Jetzt stellte das Toledot Jesu Jesus als einen Kenner der Kabbala heraus: Das war doch ein wirklicher Grund, sich auf dem richtigen Weg zu sehen und die Kirche auf dem Abweg.

Der Verfasser des "Toledot Jesu" stellte Jesus von Nazareth als einen Kenner eben der Kabbala dar, welche schon immer im Judentum beheimatet gewesen sei. Damit war Jesus wieder ins Judentum zurückgebunden und der Vorwurf der mittelalterlichen Kirche entkräftet, das Judentum habe seinen eigenen Messias, Jesus von Nazareth, verkannt. Im Gegenteil: Nun wurde eben dieser Vorwurf der Kirche zurückgespiegelt mit der Behauptung, das Judentum halte durch ihre Kabbala weiter an der Urüberlieferung der Väter fest. Und der Kirche sei eben diese mosaische Überlieferung verloren gegangen. Der Verfasser des Toledot Jesu unterschlug dabei aber die Tatsache, dass die Kabbala, so wie sie damals vertreten wurde, erst im Mittelalter entstanden war. Ob dies aus Unkenntnis oder aus apologetischen Gründen geschah, kann nur vermutet werden13.

Eliphas Lévi bemerkte nicht den apologetischen Charakter des mittelalterlichen Textes. Er verwendete ihn als eine Geschichtsquelle für Aussagen, die sich auf das Altertum beziehen. Lévi fühlte sich durch die Aussagen dieses mittelalterlichen Textes berechtigt, die biblischen Texte in einer kabbalistischen Sichtweise zu deuten. Blavatsky hingegen verwendete die Aussagen des Toledot Jesu aus einem anderen Interesse: Sie meinte, mit der Kabbala einen Zipfel der Urreligion erwischt zu haben, auf deren Suche sie war. Von diesem Standpunkt aus deutete sie die Zusammenhänge zwischen Christentum und Judentum. Und weil die Kirche als lehramtlich verfasste Institution die Kabbala nie beachtet hatte, war das ein Anlass für Blavatsky, dem Christentum die heftigsten Vorwürfe zu machen. Blavatsky schloss, dass es schon in der Zeit des frühen Christentums zu einem Abfall von der Kabbala gekommen sei. Auch Blavatsky hatte nicht bemerkt, dass die Kabbala ein Produkt des Mittelalters war.

Zu Lebzeiten von Blavatsky und Lévi hatte die religionsgeschichtliche Forschung die mittelalterlichen jüdischen Texte noch widersprüchlich datiert. Es bestand weder ein Bedarf noch eine Notwendigkeit zu einer Klärung des Sachverhaltes: Die offizielle Lehrmeinung des Judentums lehnte die kabbalistische Mystik ohnehin ab und die mystische Richtung im jüdischen Kulturraum war bei der Kabbala des Mittelalters nicht stehen geblieben, sondern hatte sich durch die Krise des Sabbatianismus hindurch zum Chassidismus weiterentwickelt.

Lévi (wie dann auch der Okkultismus im 19.Jahrhundert in seiner Nachfolge) war davon ausgegangen, dass die jüdische Kabbala eine "Geheimlehre" darstelle, welche neben dem offiziellen "exoterischen" jüdischen Glauben im Altertum bestanden habe. Mit dieser Einschätzung folgte er dem enthusiastischen Selbstbewusstsein mittelalterlicher Autoren.

3.2.2. Exkurs: Zur religionsgeschichtlichen Einordnung der Kabbala

Die jüdische Kabbala ist ein hochinteressantes Ergebnis aus der Begegnung des Judentums mit der islamischen Umwelt im Mittelalter und der hellenistischen Philosophie. Das am weitesten verbreitete berühmte Werk der Kabbala, der "Sohar", entstand zwischen 1275 und 1286 in Kastilien14. Erstaunlich ist, dass der Sohar schon bald eine solche Beachtung in den jüdischen Gemeinden gefunden hatte, dass er sich neben der Bibel und dem Talmud behaupteten konnte. Der Sohar ist ein Kommentar zu den Perikopen- Texten, die von Woche zu Woche in der Synagoge gelesen wurden. Er deutet die Bibel in einer Weise, welche die mittelalterliche Kosmologie und Geschichtsauffassung mit einbezieht. Die Stellung des Menschen im Kosmos wird dabei einerseits durch die Bibel, andererseits durch Begriffe der neuplatonischen Philosophie beschrieben. Die neuplatonische Philosophie ist im mittelalterlichen Spanien durch die Vermittlung der maurisch- arabischen Kultur die vorherrschende Sichtweise geworden. Vor allem die arabischen Philosophen Alkindi (gestorben um 900), Al Gazzali (1058-1111) und Averroes (gest. 1198) hatten dem neuplatonischen Gedanken eine allgemeine Anerkennung verschafft. Und die jüdischen Gemeinden Spaniens im Mittelalter lebten im Umfeld der maurischen Kultur.

"Kabbala" heißt sinngemäß "Tradition"15. Die Kabbala- Mystik wurde mit dem Anspruch vorgetragen, die "Uroffenbarung" Gottes zu überliefern16. In der Zeit der Renaissance wurde diese These von Pico della Mirandola so aufgegriffen17. Und Reuchlin übernahm diese These in die christliche Theologie18. Über erste Anfänge ist dieser Ansatz allerdings nie hinausgekommen19

Weil im jüdischen Kulturleben mündliche Tradition ohne ein institutionalisiertes "Lehramt" vom Lehrer zum Schüler weitergegeben wird, laufen die verschiedensten Lehrmeinungen oft gleichzeitig unvermittelt nebeneinander her. Das Schiedsrichteramt in religiösen Fragen bezieht sich nur auf den moralisch- sittlichen Bereich, nicht auf Fragen der Lehre. Die Kabbala bildete sich zunächst unbemerkt in kleinen katalanischen Gemeinden. Von dort aus sprang der Funke auf den ganzen spanisch- jüdischen Kulturraum über. Bald bekam die Kabbala den Ruf, die Bibel authentisch auszulegen. Auch wurde ihr damals die Bedeutung zugemessen, eine geheime Tradition zu sein, die von den Uranfängen der israelitischen Religion, seit Moses, bestanden habe.

Noch im 19.Jahrhundert hielten französische Gelehrte an der Legende vom angeblich hohen Alter der Kabbala fest. Besonders der Franzose Adolphe Franck zementierte diese Meinung20, wenngleich er in seinen späteren Schriften (1889) seine ursprüngliche Haltung etwas abänderte. Die moderne Kabbalaforschung stimmt darin aber überein, dass die Kabbala ein Denken darstellt, welches sich erst im Mittelalter gebildet hat21. Ausführliche Textuntersuchungen, welche die Sprache, den philosophischen Ideenhintergrund und die verwendete Symbolik betreffen, haben zu dieser Auffassung geführt. Der Okkultismus, der sich im 19.Jahrhundert zunächst in Frankreich entwickelt hat, hielt aber bis ins 20.Jahrhundert an dieser Auffassung fest, als diese Position in der wissenschaftlichen Welt nirgends mehr Rückhalt fand. Blavatsky stützte sich in ihren Auffassungen besonders auf Adolphe Franck22. Und auch Rudolf Steiner stellte die überholten Positionen von Adolphe Franck nicht in Frage. Im Gegenteil, er bezog sich des öfteren auf dessen Schriften, wie auch auf die Werke von Fabre d'Olivet23. Damit übernahm Steiner überlebte Positionen des 19.Jahrhunderts. Die fehlerhafte Hermeneutik, die sich dadurch ergibt, ist der Grund für Steiners bibeltheologische Aussagen. Und Steiners Bibeltheologie erregt bis heute den besonderen Widerspruch der Theologen24

Bei Franck und d'Olivet findet man übrigens auch Ausführungen über eine Rassenlehre, welche besonders heute die Anthroposophie belasten: D'Olivet spricht im Anschluss zu seinen Ausführungen zur "Atlantis" über "schwarze", "rote" und "weiße" Rassen.- Hier findet man genau solche Aussagen, welche man in letzter Zeit bei Steiner besonders moniert hat und die ihm den Vorwurf eingetragen haben, er habe rassistische Äußerungen gemacht.

Lévi war durch religionsgeschichtliche Studien auf Fragen der vergleichenden Religionswissenschaft gestoßen. Aber das religionsgeschichtliche Material war zur damaligen Zeit noch nicht gesichtet und die Beziehungen der verschiedenen religiösen und philosophischen Stränge zueinander waren noch unklar. Was die offizielle Theologie angeht, so fühlte sie sich durch die vielen Funde auf dem religionsgeschichtlichen Feld dermaßen bedrängt, dass sie noch bis ins 20.Jahrhundert hinein mit einem Verbot für Priester und Theologen reagierte, sich überhaupt mit solchen Themen zu beschäftigen (der sogenannte "Antimodernisteneid" wurde erst 1967 abgeschafft). Alphonse-Louis Constant waren diese Beschränkungen zu eng. Er verließ die kirchliche Laufbahn. Seine weitläufigen religionsgeschichtlichen Studien führten ihn zu einer Begegnung auch mit unreflektierten Formen der Kabbala wie der mystischen Evokation und der mittelalterlichen Magie.

Lévi wurde bald schon klar, dass die christliche Religion in einem sehr weiten Umfeld verschiedener religiöser und philosophischer Richtungen entstanden war. Bisweilen verschwammen in seinem Blick die Grenzen zwischen den einzelnen Systemen und er sah alles nur noch in einem einzigen Strom der religiösen Vermittlung stehend. Andererseits war Lévi viel zu sehr dem traditionellen französischen Katholizismus verbunden, als dass er durch seine Studien in Zweifel an seinem Glauben gekommen wäre, in dem er in einer sehr unkonventionellen Weise verwurzelt war. Einige Zitate machen dies deutlich:

"Allein die katholische Kirche besitzt ein unveränderliches Dogma und nach ihrer Verfassung ist es ihr unmöglich, die Moral zu verfälschen"25. Und: "Das katholische, d.h. universelle Dogma verdient diesen schönen Namen, da es alle religiösen Sehnsüchte der Welt zusammenfasst"26.

Trotz seiner starken Beziehung zum französischen Katholizismus drängte es Eliphas Lévi, den engen, dogmatischen Rahmen zu sprengen, der ihm hier vorgegeben war. Er bemerkte vor allem die Defizite der damaligen Theologie in Bezug auf die Fragen der Vernunft. Als Ziel seiner Schrift "Schlüssel zu den großen Mysterien nach Henoch, Abraham, Hermes Trismegistos und Salomon" formulierte er daher,

"in religiöser Hinsicht das Wissen mit der Offenbarung und die Vernunft mit dem Glauben in Einklang zu bringen, philosophisch die absoluten Prinzipien, die alle Gegensätze aussöhnen, zu beweisen, und endlich das universelle Gleichgewicht der universellen Kräfte zu offenbaren, ist das dreifache Ziel dieses demnach in drei Teilen angeordneten Werkes"27.

Bis ins 20.Jahrhundert wurden bekanntlich die Wundererzählungen der Bibel wörtlich genommen und als ein wesentliches Argument dafür herangezogen, dass die Vernunft an Grenzen komme, über die hinaus nur noch der Glaube Aussagen machen könne. Die daraus folgende Spaltung zwischen Glauben und Denken und die Verunglimpfung der Vernunft zu einem vorläufigen, defizitären Mittel der Erkenntnis war für einen aufgeklärten Menschen des 19.Jahrhunderts unhaltbar. Anstatt den Wunderbegriff zu hinterfragen, versuchte Lévi jedoch das Wunder durch Magie zu erklären. Unter Magie verstand Lévi eine Möglichkeit des willentlichen Eingreifens in den Naturzusammenhang. Damit folgte Lévi dem traditionellen mittelalterlichen Wunderbegriff. Im Mittelalter sah man nämlich das "Wunder" als einen nachträglichen Eingriff Gottes in den Schöpfungszusammenhang an, der an den Naturgesetzen vorbei oder gar gegen sie verlief, um Gottes Macht zu demonstrieren.

Wenn Lévi sich mit Magie beschäftigte, so ursprünglich deshalb, weil er die biblischen Wunder erklären wollte. Die Suche nach magischen Texten führten ihn zu einer Begegnung mit mittelalterlichen jüdischen Texten, welche die Kraft Gottes herbeirufen sollten. In der Folgezeit kam Lévi dann von seiner ursprünglichen theologischen Fragestellung ab und beschäftigte sich immer mehr mit Fragen des Unbewussten und des Spiritismus. Lévi grenzte die "hohe" (oder auch "weiße") Magie zur "niederen" oder gar "schwarzen" Magie ab. Unter "hoher Magie" verstand er eine mystische Annäherung an das Göttliche durch die Mittel der mystischen Anrufung Gottes (Evokation).

Die Theologie hatte sich das Problem des Wunders selbst geschaffen: Im Mittelalter wurde der hebräische, alttestamentliche Wunderbegriff durch mittelalterliche magische Vorstellungen überlagert. Erst die "entmythologisierende" Theologie des 20.Jahrhunderts (Bultmann) hat das Missverständnis um dem Begriff des Wunders aufgedeckt. Lévi und der Okkultismus des 19.Jahrhunderts versuchte, das Problem des Wunders in umgekehrter Richtung zu lösen: Statt den Wunderbegriff von mittelalterlichen magischen Vorstellungen zu trennen, verlegte er sich auf ein verstärktes Studium der Magie. Diese Richtung brachte dann der Okkultismus im 20.Jahrhundert (Crowley) zu einer Aporie. Was Lévi in bieder- frommer, ja geradezu "katholischer" Manier begann, führte Crowley nach 1900 bis in blasphemische und agnostische Formen von Magie und praktiziertem Satanismus weiter. - Lévi hätte das wohl mit äußerstem Entsetzen registriert. Die Erforschung des Unbewussten, des Spiritismus und eine mystische Vertiefung in dafür geschaffenen Kulten war seit Lévi ein besonderes Anliegen des Okkultismus. Lévi formulierte als das "magische Anliegen" des Okkultismus:

"Mysterien der anderen Welten, verborgene Kräfte, seltsame Offenbarungen, außergewöhnliche Fähigkeiten, Geister, Erscheinungen, magische Paradoxa, hermetische Arkanen, über alles wollen wir sprechen, alles erklären. Wer hat uns diese Macht gegeben? Wir scheuen uns keineswegs, es unseren Lesern zu verraten: Es gibt ein okkultes und heiliges Alphabet, das die Hebräer Henoch, die Ägypter Thot oder Hermes Trismegistos, die Griechen Kadmos und Palamedes zuschreiben... den Schlüsseln Salomonis ... sind in dem kleinen Buch, dem Sepher Jezirah beschrieben und erklärt." 28

Mit dem"okkulten und heiligen Alphabet", von dem Lévi hier spricht, ist der frühmittelalterliche Text "Sepher Jezirah" gemeint. Lévi übertrug diesen Text ins Französische und kommentierte ihn29. Das hebräische Buch "Jezirah" beschreibt die Weltentstehung ganz naiv- literal aus dem Wort Gottes (Gen 1,3). Dabei wird der Schöpfungsakt Gottes entlang der Reihenfolge der Buchstaben im hebräischen Alphabet erklärt. Jedem Buchstaben entspricht dann ein Schöpfungswerk Gottes. Natürlich wird in dem Text angenommen, Gott habe die Welt durch die hebräische Sprache geschaffen oder zumindest durch eine Sprache, von der die hebräische ein letzter Abglanz sei. Deshalb geht das Buch Jezirah auch nach dem hebräischen Alphabet Laut für Laut vor. Sprache wird hier als schöpferisch- tätig begriffen und soll, je näher man sich der "Ursprache" Gottes nähert, magische Wirkungen besitzen. Gottfried Herder hat sich von diesem Gedanken zu seinem Werk über die Ursprache inspirieren lassen. Die Bewegung des "Golden Dawn" hat die hebräischen Buchstaben in alphabetischer Reihenfolge als Symbole für das seelische Entwicklungsgeschehen in sein Tarot eingebaut. Steiner hat den Gedanken für die sogenannte "Entwicklungsreihe" der Laute in seiner Bewegungskunst "Eurythmie" aufgegriffen. Auch Steiner folgt bei seiner "Entwicklungsreihe" der Anordnung des hebräischen Alphabeths. An diesem kleinen Beispiel zeigt sich, dass die Ideen des Okkultismus ihre Wirkungsgeschichte bis ins 20.Jahrhundert haben.

Bei dem Buch Jezirah handelt es sich um ein Werk, das aus der talmudischen Periode stammt. Die talmudische Epoche bezeichnet die Zeit zwischen 70 n.Chr., der Zerstörung des Tempels von Jerusalem durch die Römer, bis ca. 637 n.Chr., dem Einfall der Kalifen in Jerusalem30. Das Buch Jezirah gibt eine Buchstaben- und Zahlensymbolik für alle 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Eliphas Lévi hat dieses Buch in das jüdische Altertum, in die Zeit Salomos, zurückdatiert, - so wie es die Legenden nahelegen, welche sich im Mittelalter um dieses Buch gebildet hatten. Diese Legenden hatten behauptet, die Kabbala sei so alt, dass sie in die Zeit des Moses zurückgehe. Vom religionsgeschichtlichen Standpunkt aus konnte Lévi damals nicht besser datieren. Der französische Judaist Adolphe Franck, der ja in okkultistischen Kreisen eifrig studiert wurde, hatte in seinem Werk "Die Kabbala", Paris 1843, diesen Text entsprechend der Legende datiert. Nach der Legende wurde behauptet, dass schon Salomo die Jezirah- Mystik betrieben habe. Fiktion und Wirklichkeit wurde nicht getrennt wie heute. Lévi erklärte darüber hinaus das Buch Jezirah zusätzlich noch zum "Buch des Henoch" (Gen 4,17). Das ist natürlich ein Unfug. Lévi seinerseits schloss: Wenn dieses Buch dem Salomon bekannt gewesen sei, dann sei es sicher auch schon den Ägyptern als "Buch Thot" bekannt gewesen - in einer Anspielung auf das damals noch nicht entzifferte Totenbuch der Ägypter. In abenteuerlicher Weise assoziierte Lévi dann weiter: das Buch Jezirah sei nicht nur ein Buch Salomos gewesen. Sondern sicher habe es Moses aus Ägypten mitgebracht. Und wenn es Moses schon besessen habe, dann sei es sicher ein Buch des sagenhaften ersten Pharaos "Hermes Trismegistos" gewesen, von dem dann auch die Hermetik abstamme. Solche durchweg fiktive und durch keine historischen Tatsachen gestützten Hypothesen sind im Okkultismus schulebildend gewesen. Der französische Dichter Edouard Shuré hat dieser Fiktion in seinem Werk "Die Großen Eingeweihten" eine romanhafte Gestalt gegeben.

Am Beispiel von Eliphas Lévi haben wir kennen gelernt, welchen Weg der Okkultismus im 19.Jahrhundert eingeschlagen hat. Von der einmal eingeschlagenen Richtung ist er nicht abgewichen. Im Gegenteil: Hypothesen und Sichtweisen, die man damals gebildet hatte, sind als Ganzes ungeprüft in die theosophische Bewegung und in den anthroposophischen Zusammenhang übernommen worden. Lévis Fragen entzündeten sich an den ungelösten Problemen der Theologie seiner Zeit: am Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen und an dem unhaltbaren mittelalterlichen Wunderbegriff. Indem er auf jüdische Texte zurückgriff, ging Lévi seiner Zeit voraus und schlug Wege ein, welche erst die Religionswissenschaft des 20.Jahrhunderts dann praktiziert hat. Aber die religionsgeschichtlichen Annahmen, mit denen Lévi arbeitete, haben sich mittlerweile anders herausgestellt, als zu seiner Zeit. Deshalb sind Lévis Schriften wegen der vielen darin vorhandenen Fehlschlüsse heute wertlos. Aber die vielen Fragen, die Lévi stellte, haben seither die Gemüter bewegt. Hatte er doch gesagt: "Über Mysterien der anderen Welten, verborgene Kräfte, seltsame Offenbarungen, außergewöhnliche Fähigkeiten, Geister, Erscheinungen, magische Paradoxa, hermetische Arkanen, über alles wollen wir sprechen"31. Diese programmatischen Aussagen haben die Suchenden bis in die heutige Zeit beschäftigt.

Eliphas Lévi, ein Stammvater des Okkultismus im zweiten Drittel des 19.Jahrhunderts, projezierte die jüdische Literatur samt und sonders ins Altertum, auch wenn es sich dabei um mittelalterliche Literatur handelte. Er war ein gläubiger, unkritischer Leser. Das kann man Lévi nicht verübeln. Er las die jüdische Literatur wie die meisten seiner Zeitgenossen und datierte Schriften noch mittels der Legenden, die sich um diese Schriften gerankt hatten.

Problematischer ist es da schon bei den Nachfolgern von Eliphas Lévi: Sie haben an Lévis Sichtweisen festgehalten, auch wenn diese - gegen Ende des 19.Jahrhunderts - schon durch die führenden Vertreter der Judaistik widerlegt waren. Ein Beispiel dafür bietet Gérard Encausse. Er hat unbeirrt an überlebten Fiktionen der okkultistischen Bewegung festgehalten, obwohl ihm deren Fraglichkeit bewusst war. Ihm war bekannt, dass die Wissenschaft seiner Zeit andere Sichtweisen angenommen hatte als die okkultistische Bewegung.

3.2.3. Gérard Encausse alias Papus

Im ausgehenden 19.Jahrhundert lehrte der französische Arzt Gérard Encausse (1865 - 1916) in einem privaten Institut verschiedene Wissensgebiete, welche die okkultistische Strömung im 19.Jahrhundert vor dem Vergessen bewahrt hatte: Astrologie, Alchimie, Magnetismus und Theurgie. Encausse sichtete und sammelte Literatur zu allen Gebieten, welche der Okkultismus im 19.Jahrhundert hervorgebracht oder auf die er zurückgegangen war. Deshalb ist die Bibliographie okkulter Schriften, die Encausse zusammengestellt hat, für das Studium des französischen Okkultismus im 19.Jahrhundert sehr aufschlussreich. Anhand seiner umfangreichen Bibliographie kann man sich erkundigen, welche Inhalte im 19.Jahrhundert als "okkult" galten und welche Autoren studiert wurden. Wichtige Schriften von ihm sind:

- Le Zohar, Paris 1895
- L'illuminisme en France (1767-1774), Paris 1895
- La magie et l'hypnose, Paris 1897
- La Cabale, Paris 1901
- Traité élémentaire de Science Occulte, Paris 1903

Gérard Encausse, der unter dem Pseudonym "Papus" den Okkultismus vertrat, veröffentlichte ein Lehrwerk des Okkultismus unter dem Titel "Traité élémentaire de Science Occulte" und eine Lehrschrift über die Kabbala "La Cabale"32 . Den Okkultismus definierte Papus folgendermaßen:

"...Die okkulte Wissenschaft beinhaltet noch drei große Abteilungen: die Theurgie, die Magie und die Alchimie"33.

Papus gründete zur Vertiefung und weiteren Verbreitung der okkultistischen Bewegung den Martinistenorden aufs neue. Zwischen diesem französischen Orden und der englischen okkultistischen Bewegung wurden Brücken geschlagen: Papus nahm in seinen Martinistenorden den Leiter des englischen Hochgradsystems, John Yarker auf. Dafür wurde Papus mit dem Titel des "Großmarschalls" durch Yarker in dessen Swedenborg- Ritus aufgenommen34. Papus folgte der vom Okkultismus einmal eingeschlagenen Richtung, selbst wenn er wahrnehmen musste, dass die Religionswissenschaft im ausgehenden 19.Jahrhundert andere Ergebnisse erbracht hatte, als zur Entstehungszeit der Bewegung. Als Beispiel sei hier folgende Äußerung von ihm über die Kabbala angeführt:

"Wir werden uns Fabre d'Olivet anschließen, indem wir den Ursprung der Kabbala in die Zeit des Moses selbst verlegen,"35selbst wenn "einige hyperkritische Köpfe sogar"behaupten, "dass die Kabbala im 13.Jahrhundert von Mose de Leon erfunden sei." 36

Papus war also bekannt, dass die Forschung seiner Zeit die Entstehung der Kabbala ins Mittelalter datierte. Hätte er aber diese Sichtweise übernommen, so wäre damit die okkultistische Bewegung ihrer zentralen Aussage beraubt worden, um die sich ihr Denken drehte und die es "erlaubte", Geheimgesellschaften zu gründen und Kulte zu organisieren.

Natürlich blieb Papus auch bei der Auffassung, dass der Sohar ein Werk des Altertums sei. Der Sohar ist aber das erste große Werk der Kabbala, das im mittelalterlichen Spanien entstanden ist. Schon 1837 hatten die Forscher Tholuck, Joel und Jellinek darauf verwiesen, dass der Sohar eine mittelalterliche Schrift sei37. Heute ist allgemein anerkannt, dass das Hauptwerk der Kabbala, der "Sohar" von Mose de Leon im 13.Jahrhundert in Spanien verfasst wurde38. Im Mittelalter bestanden übrigens beide Überlieferungen nebeneinander her: die Auffassung, dass der Sohar ein Werk des Altertums oder ein Werk mittelalterlicher Zeitgenossen sei.

Papus war wohl klar geworden, dass eine Datierung der Kabbala ins Mittelalter das ganze Gebäude der okkultistischen Geschichtsdeutung zum Einstürzen bringen würde. Eine Ableitung der antiken philosophischen und religiösen Systeme aus der Kabbala, die der Okkultismus vorgenommen hatte, wäre dann nicht mehr möglich gewesen. Und weil das System der Ordensgrade und deren Inhalte in den okkultistischen Orden nach kabbalistischen Inhalten angeordnet war, wäre dann auch die Organisationsstruktur dieser Orden nicht mehr zu erhalten gewesen. Solche Überlegungen ließen Papus wohl davor zurückschrecken, einen modernen Standpunkt anzuerkennen.

Die Okkultisten des 19.Jahrhunderts folgten weiterhin in ihren Datierungen den Legenden und Mythen, welche sich schon im Mittelalter zur Kabbala gebildet hatten. Papus hat die wissenschaftlichen Ergebnisse seiner Zeit zu den Fragen der Kabbala sehr wohl gekannt. Das beweist seine Bibliographie. In seinem Werk "La Cabale" referierte er sogar die Ergebnisse der neueren Kabbalaforschung39. Aber schon drei Sätze weiter bemerkte er dann wiederum:

"Der Mystiker braucht sich nicht durch solche Fesseln beengen zu lassen...",

Für Papus blieben weiterhin die alten, überholten Standpunkte geltend, welche Fabre d'Olivet40, Sédir41, Pico della Mirandola42, Stanislas Guaita43, Kircher44 und andere gegeben hatten. Für diese Sichtweise exemplarisch soll eine Äußerung von Sédir zitiert werden:

"Da Moses ein ägyptischer Eingeweihter war, muss die Kabbala eine vollständige Darlegung der Mysterien Mizraims (d.h. Ägyptens) enthalten..."45

Bei dieser so großzügigen Aussage stimmt weder die Annahme, dass Moses ein ägyptischer Eingeweihter gewesen sei, noch stimmt der Folgesatz, dass die rund 2600 Jahre später entstandene Kabbala mit ägyptischen Inhalten in irgendeiner Weise in einen Zusammenhang gebracht werden könne. Seit dem Erscheinen des Sohar im 13.Jahrhundert lässt sich eine Wirkung des kabbalistischen Denkens sehr deutlich wahrnehmen - bis in den christlichen Kulturraum hinein (Pico della Mirandola, Reuchlin, Spinoza, Fludd, Knorr von Rosenroth). Die Wirkungsgeschichte der Kabbala beginnt im 13.Jahrhundert. Das mächtige mystische Gebilde der Kabbala setzt die Geistesentwicklung des Neuplatonismus und die talmudische Esoterik voraus. Sie ist zudem literarisch und sprachlich mit dem den Kontext des maurischen Mittelalters eng verwoben.

Es war schlichtweg ein unerfüllbarer Wunschtraum der Okkultisten, dass die Kabbala "die gesamten geheimen Traditionen, die es jemals gegeben hatte"46 beinhalte. Von ihren Lieblingsideen wollte sich die okkultistische Bewegung nicht verabschieden. Und doch ahnten die Okkultisten, dass ihre Spekulationen auf schwachen Füßen standen. Sédir zum Beispiel bemerkte: "Ich kann hier nicht für alles das, was ich vorbringe, die Beweise geben. Man müsste die ganze Sprachwissenschaft und die alte Geschichte heranziehen."47 Mittlerweile hat die Sprach- und Literaturwissenschaft die Lücke geschlossen. Die Theorien Sédirs, Fabre d'Olivets und der ihnen folgenden Okkultisten des 19.Jahrhunderts sind heute nicht mehr haltbar. Warum sollte man dann heute, im 21.Jahrhundert, noch an diesen längst überkommenen Ansichten festhalten48? Blavatskys Quellenmaterial kann man überprüfen. Was das Werk Steiners betrifft, so ist eine solche Überprüfung weitaus schwieriger, da Steiner seine literarischen Quellen nicht offengelegt hat.

Papus veröffentlichte außer dem schon angeführten Werk über die jüdische Kabbala auch Schriften der Illuminaten- Bewegung. Er gab die Werke von Martinez de Pasqually und dessen Schüler Louis- Claude de Saint- Martin heraus49. Pasqually (1727 - 1774) hatte 1754 ein philosophisches System in den Freimaurerlogen von Marseille, Toulouse und Bordeaux eingeführt, das auf die Kabbala zurückgriff. Pasqually beschreibt darin das Universum als Emanation Gottes, das zwischen der irdischen Welt und dem Einen noch viele himmlische Hierarchien von Engelwesen kennt. Der Engelsturz hat die Ursünde zur Folge, aber das Ende der Geschichte ist der Aufstieg zum Göttlichen mittels helfender Engel. Der in die Kabbala Eingeweihte aber kennt zusätzlich noch Wege (Theurgie, Thaumaturgie, Mesmerismus), um den Aufstieg zu beschleunigen. Der mystischen Praxis diente der "Temple des Elus Cohen", den Pasqually 1760 gründete. Auf Pasqually geht die Philosophie des Martinistenordens zurück. Claude Saint- Martin (1715 - 1779), sein Sekretär, propagierte in diesem Orden die Lehre seines Meisters, nachdem sich Pasqually 1772 nach Santo Domingo zurückgezogen hatte50. Papus leitete den Nachfolgeorden dieses Martinistenordens in der Wende des 19. zum 20.Jahrhundert.

In seiner Darstellung der Kabbala ging Papus nicht über eine abstrakte, allgemein gehaltene Emanationslehre hinaus. Er nahm die von Franck (1843) gegebenen Zusammenfassungen zur Hand und griff auf eine englische Übersetzung der Kabbala zurück51. Er systematisierte die Inhalte in Listen und Tabellen 52 und edierte Texte mit den Namen für mystische Evokationen. Papus war bestrebt, an der überkommenen okkultistischen Hermeneutik festzuhalten, selbst wenn er sich dadurch gegen seine Zeit stellte. Wenn Papus die neue Sichtweise übernommen hätte, dann hätte er nicht nur sein literarisches Werk von Grund auf neu aufbauen, sondern dann hätte er auch seinen Orden neu konstruieren müssen. Er hätte das ganze Feld des okkultistischen Schrifttums, das er so gut bibliographiert hatte, neu sichten und interpretieren müssen.

An dem Werk von Papus kann man als bleibend würdigen, dass er eine Systematik in den Okkultismus gebracht hat. Was er sammelte und auch was er in seinen Lehrbüchern veröffentlichte, schließt den französischen Okkultismus ab. Man kann den französischen Okkultismus des 19.Jahrhunderts als einen legitimen Versuch anerkennen, religionsgeschichtliche Quellen zu erschließen, welche von der etablierten akademischen Philosophie und Theologie ausgeschlossen worden waren. In der Tat hätte die ganze Philosophie- und Geistesgeschichte des Abendlandes neu geschrieben werden müssen, wenn die von den Okkultisten eingenommene Hermeneutik wahr gewesen wäre.

3.2.4. Steiner und der französische Okkultismus

Wenn man berücksichtigt, dass Steiner sich zunächst in vielem auf den französischen Okkultismus des 19.Jahrhunderts bezogen hat, wirft dies ein neues Licht auf manche Probleme, welche in den letzten Jahren und Monaten Kontroversen ausgelöst haben.

  

Ein Beispiel: Der Rassismusvorwurf
In der letzten Zeit hat der Vorwurf einigen Wirbel verursacht, Steiner habe rassistische Thesen vertreten53. Die anthroposophische Bewegung in den Niederlanden sah sich sogar veranlasst, ein unabhängiges Institut mit der Untersuchung zu beauftragen, ob Steiners Aussagen rassistisch seien oder nicht. Die ganze Mühe hätte man sich sparen können, wenn man beachtet hätte, dass Steiner in dieser Frage literarische Vorlagen benützt hat, die aus dem französischen Okkultismus des 19.Jahrhunderts herkommen. Der französische Okkultismus des 19.Jahrhunderts hatte eine Rassenlehre. Die dort verwendeten Begriff der "roten", der "schwarzen" und der "weißen" Rasse war von Wertungen geprägt, welche gedanklich dem Imperialismus des 19.Jahrhunderts nahestanden.54 Steiner hat die Aussagen des französischen Okkultismus unhinterfragt benützt, um sie seiner Evolutionstheorie einzuordnen. Man kann daraus nicht ableiten, es sei ihm um die Entwicklung einer Rassenlehre gegangen. Steiners diesbezügliche Aussagen entstammen nicht, wie uns Marie Steiner nahelegen will, einer "geistigen Schau", sondern der okkultistischen Literatur des letzten Jahrhunderts55. Die Aufsätze zur Entwicklungsgeschichte, welchen Marie Steiner den unglücklichen Titel "Aus der Akasha- Chronik" gab, beziehen sich auf Blavatskys Kompilationen aus der okkultistischen Literatur des 19.Jahrhunderts mit entwicklungsgeschichtlichem Inhalt. Hätte man diese Tatsache berücksichtigt, so hätte man sich (und auch dem Werk Steiners) Verunglimpfungen erspart. Seit der Begegnung mit dem Evolutionsgedanken Ernst Haeckels haben Steiner die Fragen der Erd- und Geschichtsevolution nicht mehr losgelassen. Steiner entwickelte in den Aufsätzen "Aus der Akasha - Chronik"56 ein evolutionistisches Weltbild, das an die Gedanken des Okkultismus und der Kabbala anschloss. In der Kabbala gab es schon Entwürfe für ein evolutionistisches Weltbild. Die Kabbala in der Gestalt, die Isaak Luria ihr im 16.Jahrhundert gab, bot eine mystisch- evolutionistische Sicht der Erd- und Geschichtsentwicklung. Auf diese Gedanken griff der Okkultismus zurück. Steiner wiederum begnügte sich nicht, die Gedanken der okkultistischen Literatur zu referieren, sondern er griff auf die kabbalistischen Urgedanken zurück. Trotzdem enthält sein Werk daneben auch unreflektierte Sichtweisen des Okkultismus. Er baute diese - unhinterfragt - in sein evolutives Weltbild ein. Man muss dabei beachten, dass die Aussagen zu einer Rassenlehre randständig sind; es kann aus ihnen nicht abgeleitet werden, dass es Steiner um die Entwicklung einer Rassenlehre gegangen sei. Diese Aussagen sind eben so, wie die okkultistische Literatur des 19.Jahrhunderts sie vorgetragen hat.

  

Ein zweites Beispiel: Der Vorwurf willkürlicher Bibelauslegung
Bei den erdgeschichtlichen und kosmogonischen Entwürfen, die Steiner in seiner Schrift "Geheimwissenschaft" (1910) gab, wurden kabbalistische Spekulationen über die Entstehung der Welt aufgegriffen. Steiner knüpfte mit diesen Aufsätzen an Kircher und Molitor an. Es ist sicher kein Zufall, sondern weist auf eine literarische Abhängigkeit hin, dass Steiner die selbe Nomenklatur wie Kircher für die himmlischen Hierarchien benützt. Der kosmogonische Gedanke, welcher in Steiners "Geheimwissenschaft" entfaltet wird, geht letztendlich auf die lurianische Kabbala des 16.Jahrhunderts zurück. Dieser Zusammenhang ist der Steiner- Rezeption bis heute nicht bewusst geworden. Auch die bibeltheologischen Positionen57 im Werk Steiners haben hier ihren Ursprung. Sie stammen nicht allein von Steiner her, sondern gehören der okkultistischen Tradition an.

Dass Steiner an den Okkultismus des 19.Jahrhunderts anschloss, zeigte schon seine erste "theologische" Schrift, die er vor dem Eintritt in den theosophischen Zusammenhang veröffentlichte. Die Schrift "Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums" (1902) betrachtet das Christentum aus dem selben hermeneutischen Gesichtswinkel, den wir bei Eliphas Lévi kennengelernt haben. Steiner:

"Und dass es auch innerhalb des Judentums Mysterien gab, die aus dem Dunkel des geheimen Kultus in die Volksreligion getragen werden konnten, das ist gewiss (für den Okkultismus). Eine ausgebildete Mystik (gemeint ist hier die Kabbala, die irrtümlich ins Altertum datiert wird) bestand neben der an den äußeren Formeln des Pharisäertums hängenden Priesterweisheit".58

Steiner greift auch Eliphas Lévis These vom Mysterienverrat auf. Er legt Jesus von Nazareth folgende Intention in den Mund:

"Ich will alles Volk an diesem Heil (der angeblichen Mysterienweisheit) teilnehmen lassen. Er musste hinaustragen in alle Welt, was die Auserlesenen in den Tempeln der Mysterien erlebt hatten. (...) Gewiss: die Erlebnisse der Mysterien konnte er dieser seiner Gemeinde nicht ohne weiteres geben. Das konnte er auch nicht wollen. Aber die Gewissheit wollte er allen geben von dem, was in den Mysterien als Wahrheit angeschaut wurde."59

Mit solchen Äußerungen schließt Steiner an die Deutungsweise des Okkultismus des 19.Jahrhunderts an. Seine Thesen standen nicht isoliert im Raum, wenngleich Steiner mit seinen Spekulationen über das hinaus ging, was der Okkultismus entwickelt hatte: Steiner blieb nicht dabei stehen, eine Beziehung Jesu zu den Mysterien und zur Kabbala zu behaupten. Er ging weiter. Er legte Interpretationen der Evangelien vor, die unter der Annahme verfasst wurde, Jesus von Nazareth habe die Kabbala gekannt. Dass dieser bibeltheologische Ausgangspunkt damals nicht gesichert war, wusste Steiner. Er schrieb in einem Brief vom 2.Oktober 1902 darüber:

"Mein 'Christentum' nehmen Sie bitte für nicht mehr, als es sein will. Ich kenne seine Fehler, namentlich die historischen, ganz genau."61

Die theologischen Entwürfe, die Steiner zwischen 1906 und 1912 vorgelegt hat, sind ein Versuch, die Evangelien mit der Kabbala in einen Zusammenhang zu bringen - und zwar unter dem hermeneutischen Gesichtswinkel, den der Okkultismus eingenommen hatte. Er verband die kabbalistische Idee vom "Adam Kadmon" mit der Messias- Idee und griff auch die Reinkarnationsvorstellungen der Kabbala auf. Die Kabbala kannte ausführliche Geschlechterfolgen, denen sie Reinkarnationsreihen zuordnete 60 und der Begriff des "Adam Kadmon" ist eindeutig kabbalistisch. Viele andere Ideen gehören auch in diesen Zusammenhang, so zum Beispiel die Vorstellung vom "kleinen" und vom "großen Hüter der Schwelle". Wer vorschnell davon ausgehen will, die anthroposophische Bibeltheologie und Steiners Reinkarnations- Aussagen entstammten allein der geistigen Arbeit von Rudolf Steiner, der der nehme einmal die "Kabbala denudata" des Knorr von Rosenroth zur Hand. Dort wird er vieles von dem finden, von dem er bisher angenommen hatte, es sei allein Steiners "Intuition" entsprungen.

Steiners Schrift "Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums" (1902) schließt an die Sichtweisen des 19.Jahrhunderts an. Allerdings waren diese Sichtweisen überholt. Nur der Okkultismus hielt noch an ihnen fest - und Steiner, welcher diese Sichtweisen aufgegriffen hatte. Die Arbeiten von Tholuk, Joel, Jellinek und Neumark hatten gegen Ende des 19.Jahrhunderts einen Wandel in der Beurteilung der Kabbala herbeigeführt62. Die Chronologie, welche Steiner aus dem Okkultismus und von Autoren wie Grätz und Franck übernommen haben mag, stützt heute kein Kenner der Literatur mehr.

Um nicht ungerecht über Steiner zu urteilen, muss man aber bedenken, dass sich die literarkritische Forschung erst langsam im 19.Jahrhundert herausgebildet hat. Man konnte zu Beginn des 20.Jahrhunderts zu historischen Konstruktionen kommen, welche heute nicht mehr haltbar sind.

  

Ein drittes Beispiel: Der Vorwurf der Freimaurerei
Als Steiner 1902 Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland wurde, war ihm vermutlich der okkultistische Hintergrund der theosophischen Bewegung noch wenig bekannt. Sein bisheriges Interesse galt ja der Philosophie und Goethe. Aber schon im Zusammenhang mit der Philosophie begegnet man Inhalten, welche Berührungspunkte mit dem Okkultismus und der Kabbala hatten63. Und Goethes Faust ist in einer rosenkreuzerisch- kabbalistischen Symbolik verfasst. Um diese Symbolik zu verstehen, muss man schon solche literarische Quellen aufsuchen, welche die theosophische Bewegung und der Okkultismus des 19.Jahrhunderts benützt hat. Man kann davon ausgehen, dass Steiner durch seine Arbeit am Goethearchiv dieser Zusammenhang schon bekannt war. Neu und vielleicht überraschend mag für ihn gewesen sein, dass leitende Mitglieder der theosophischen Bewegung eine Doppelmitgliedschaft zur Yarker - Freimaurerei unterhielten. Wenn man Steiners Autobiographie folgt, sah Steiner es quasi als formale Pflichtübung an, seinerseits nun auch eine solche Doppelmitgliedschaft aufzunehmen. Warum aber hat er doch relativ schnell den Schritt vollzogen, ein führendes Mitglied einer okkulten Gesellschaft - der Yarker- Freimaurerei - zu werden?

Ich kann es mir eigentlich nur so erklären, dass es Steiner darum ging, die Leitung der Theosophischen Gesellschaft vollständig zu übernehmen. Und wer sich in diese Leitung nichts hineinreden lassen wollte, der musste auch die Leitung der inneren Bereiche dieser Gesellschaft übernehmen. Der innere Bereich der Theosophischen Gesellschaft aber war die Esoterische Schule (=E.S.). Und wer der E.S. angehören wollte, der musste auch der Yarker- Freimaurerei angehören. So war es üblich und so war die E.S. organisisert. Als die Rudolf- Steiner- Nachlassverwaltung die Texte "Zur Geschichte und den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914"64 im Jahr 1987 veröffentlichte, wurde durch einen langen, ausführlichen Kommentar dieser Sachverhalt verschleiert. Hella Wiesberger, welche diesen Kommentar schrieb, stellte den Sachverhalt so dar, als sei es Steiner um wesentliche Inhalte gegangen, welche nur im Zusammenhang der Mizraim- Freimaurerei hätten erarbeitet werden können. Das ist aber nicht der Fall. Wer das umfangreiche Material sichtet, das in diesem Zusammenhang veröffentlicht wurde, findet hier nur solche Inhalte, die Steiner auch an anderer Stelle geäußert hat. Hella Wiesberger stützt sich auf Aussagen von Marie Steiner und auf eine von R. Steiner verwendete Schrift65 von 1861, um diese Datierungen vorzunehmen. Aber Marie Steiner hat diese komplizierten Verhältnisse sowieso nie verstanden. Man kann sich in solchen Fragen nicht auf Marie Steiner beziehen. Marie Steiner hatte zeitlebens ein naiv- gläubiges Verhältnis zu allem Okkulten. Sie hat den philosophisch- denkerischen Ansatz von Rudolf Steiner immer als ein "Schauen" beschrieben, das seine Inhalte quasi supra- medial gewonnen habe. Die von Hella Wiesberger / Marie Steiner vorgelegte Sichtweise misst der Yarker- Freimaurerei ein viel höheres Gewicht zu, als sie es je innerhalb der theosophischen Bewegung (und erst recht innerhalb der Steiner- Anthroposophie) hatte. Eine Blick auf die Riten und die Instruktionsstunden zur Mizraimfreimaurerei (s.u.) wird zeigen, dass die hier vorgelegten Inhalte sowieso recht dürftig aus den Legenden des 18. und 19.Jahrhunderts zusammengesetzt waren.

Eine andere Begründungsmöglichkeit für Steiners Handeln leuchtet mir da mehr ein. Sie ergibt sich schon allein aus der Struktur der E.S. zwischen der Theosophischen Gesellschaft und der Yarker- Freimaurerei. Von daher lässt sich auch verstehen, dass Steiner seine Mitgliedschaft in der Yarkerfreimaurerei als "formale Pflichtübung" bezeichnete66. Steiner wollte in leitender Position in Deutschland für die Theosophische Gesellschaft tätig sein und er wollte die Leitung nicht mit jemandem teilen. Schon gar nicht mit jemandem, dem so wichtige Bereiche wie die E.S. unterstellt gewesen wäre. Als sich Steiner durch Hübbe - Schleiden bei Yarker um eine Aufnahme in dessen freimaurerischem System bewarb, wurde ihm sogleich der höchste Grad innerhalb der Yarkerschen Freimaurerei zugeteilt67. Steiner war ab 1905 dann Alleinvertreter der Yarkerschen Memphis- und Mizraimfreimaurerei in Deutschland, bis er sie 1914 offiziell "aus Kriegsgründen" auflöste68. Steiner hat wohl anfänglich (1902) unterlassen, die dubiosen Fundamente der Yarker - Freimaurerei zu untersuchen. Wenn man den Briefwechsel liest, in dem sich Steiner durch Hübbe Schleiden bei Yarker für das Freimaurerpatent bewarb, dann macht Steiner den Eindruck, als wenn er diese Angelegenheiten möglichst schnell und formlos hinter sich bringen wollte, um ein vollwertiger Generalsekretär sein zu können. Inhaltliche Fragen stellten sich dann zunehmend erst später.

3.3. Die Memphis- und Mizarim- Freimaurerei

3.3.1. Ursprung und Motiv der Memphis- und Mizraimfreimaurerei

Das Wort "Mizraim" bedeutet in der hebräischen Bibel so viel wie "Ägypten"69. Der Mizraim- Orden wollte Vorstellungen umsetzen, die man sich im 19.Jahrhundert von der ägyptischen Religion gemacht hatte. Er gab vor, alte ägyptische Rituale zu bewahren. In Wirklichkeit waren diese Rituale ein Produkt der nachempfindenden Romantik im frühen 19.Jahrhundert. Der Mizraim- Orden selbst mag schon gegen Ende des 18.Jahrhunderts entstanden sein. Er wird mit dem Auftreten Cagliostros in Italien in Verbindung gebracht70. Cagliostro galt den einen als "Eingeweihter", den anderen als Scharlatan. Er praktizierte Hypnose, benützte kabbalistische Evokationen und griff auf pythagoräische Zahlenspekulationen zurück. Cagliostro praktizierte auch Nekromantie und Magie. Seine Methoden wurden später von der spiritistischen Strömung des englischen und amerikanischen Okkultismus nachgeahmt. Er erzählte, 150 Jahre alt zu sein. Seine Behauptung, "mit geheimen Oberen" in Verbindung zu stehen, hatte eine nachhaltige Wirkung auf die Freimaurerei und den Okkultismus. Immer wieder suchten seither Menschen, "geheime Obere" ausfindig zu machen. Blavatsky behauptete, von "Meistern" gesandt worden zu sein und in telepathischer Beziehung zu ihnen zu stehen. McGregor Mathers, ein Gründer der Bewegung des "Golden Dawn", berief sich ebenfalls auf "geheime Obere", und gab vor, durch diese legitimiert worden zu sein. Der französische Schriftsteller Edouard Schuré befragte gar Rudolf Steiner, ob er in Verbindung zu "den Meistern" stehe. Was Shuré als Antwort Steiners dann in den sogenannten Barr - Skizzen niederschrieb71 war so orakelhaft, dass man hinein lesen kann, was man sich wünscht. In der theosophischen Bewegung brauchte Steiner eine Legitimation durch "die Meister". Es hätte seiner Autorität geschadet, wenn er im Abseits gestanden wäre. Shuré lässt Steiner in seinem Barr- Papier von einer Bekanntschaft mit "dem Agenten der Meister" sprechen, die er schon vor seinem Philosophiestudium gemacht habe. In späteren Jahren bestritt Steiner, in einer Verbindung zu Meistern zu stehen, zumindest zu solchen, die in der "physischen Welt inkarniert" sind. Er berief sich dann lieber auf eine besondere geistige Beziehung zu Christian Rosenkreuz. Als "Meister" bezeichnete er, nachdem er von der englischen Theosophischen Gesellschaft abgerückt war, nunmehr die Religionsgründer und weisheitsvolle Lehrer der Vergangenheit, die aber nicht in einer unmittelbaren, physischen Beziehung zur Gegenwart stehen.

In der Theosophischen Gesellschaft wurde das anders gesehen. Blavatsky betonte immer eine "Legitimation durch die Meister", zu denen sie in einer Beziehung gestanden habe. Wenn Blavatsky eine Beziehung zu den Meistern für sich in Anspruch nahm, unterstellte man auch Steiner eine solche Beziehung. Um diese Spekulation zu stützen, nimmt man gewöhnlich Schurés Aussagen in den "Barr- Papieren" zu Hilfe. Die Worte, die hier Schuré Steiner in den Mund legt, sind nicht authentisch. Man kann sie nicht als gesichert betrachten. Darüber hinaus muss man auch beachten, dass es sich bei "den Meistern" ursprünglich um einen rosenkreuzerischen Mythos handelt. Blavatsky hat diesen Mythos in Indien dann in eine Realität übersetzt. Als sie in Indien war, wurden aus den "Meistern" einerseits imaginäre tibetische Eingeweihte, die auf dem physischen Plan nie anwesend waren, dann aber auch indische Yogis aus Fleisch und Blut, mit denen man in Adyar den Umgang pflegte.

3.3.2. Exkurs: Das "Meister"- Problem in Theosophie und der mystischen Freimaurerei

Von Meistern wird in den rosenkreuzerischen Schriften gesprochen. Zuerst findet man diesen Topos in Valentin Andreaes "Fama Fraternitatis"72 (1614). Hier wird in mythischer Sprechweise davon erzählt, dass die Mission der Rosenkreuzer zur "General- Reformation der Welt" gescheitert sei. Dass aber alle 120 Jahre ein neuer Versuch gemacht werde, das ursprüngliche Anliegen der Generalreformation aufs Neue zu versuchen73. Mythisch wird dies ausgedrückt durch das Bild: ein Mitglied der Bruderschaft komme nach 120 Jahren wiederum aus seinem Grab, wo er geschlafen, stehe auf und setzte die Reformation fort.

Um was ging es der "Generalreformation der Welt", von der Andreae und die anderen Rosenkreuzer träumten? Oft wird ihr Anliegen nur unter dem verengten Blickwinkel der Alchimie und des "Goldmachens" gesehen. Dieser Aspekt hat sich nach dem Erscheinen der ersten Rosenkreuzerschriften so sehr in den Vordergrund gedrängt, dass man oft der Meinung war, es sei das Anliegen der Rosenkreuzer gewesen. Dieses Nebenthema hat sich so sehr in den Vordergrund geschoben, dass man das eigentliche rosenkreuzerische Anliegen gar nicht mehr wahrnahm. Der ursprüngliche Ansatz der Rosenkreuzer wollte das Christentum und die Kabbala zusammenführen. Was damals aber alleine wahrgenommen wurde, das waren die alchimistischen Seiten der Kabbala, eben das "Goldmachen". Das war der Ausschnitt, der von der Kabbala zuerst und, wie sich zeigen sollte, fast ausschließlich in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Das viel größere "Programm" der Rosenkreuzer ging dabei unter. Was war das "Programm zur Generalreformation der Welt"? Das Wort "Rosenkreuzerei" sagt es aus: Es sollte das Anliegen der "Rose" mit dem Anliegen des "Kreuzes" zusammengeführt werden. Das Symbol der Rose74 steht für die Kabbala, das Kreuz für das Christentum. Andreae und sein Kreis dachte an eine theologische Verbindung beider Welten.

Aber Andreae lebte im streng protestantisch- pietistischen Süddeutschland. Er war Geistlicher am königlich- württembergischen Hof. In dieser Stellung konnte er nicht seine rosenkreuzerischen Gedanken offen äußern, denen er in seiner Jugend während seiner Ausbildung im theologisch- aufgeklärten Tübingen angehangen haben mag. Tübinger Theologen hatten damals, ähnlich wie Pico de Mirandola75 schon vertreten, es könne über die Kabbala hinweg eine Aussöhnung oder zumindest ein Gespräch mit dem Judentum zustande kommen. Dieser Ansicht war man sechzig Jahre später auch am Hof zu Sulzbach76. Dort wurde durch den Kurfürsten Christian August, van Helmont und Knorr von Rosenroth ein weitgehendes Programm zur Judenmission verfolgt, bei dem durch eine Übersetzung kabbalistischer Schriften das Gespräch mit dem Judentum eröffnet werden sollte. Aber auch dies Projekt blieb in den Anfängen stecken. In Sulzbach wurde das rosenkreuzerische Anliegen durch den Füsten Christian August unterstützt, welches ein halbes Jahrhundert zuvor am schwäbischen Hof durch den Pietismus erstickt wurde. Den Anhängern des Rosenkreuzer- Projektes blieb damals nichts anderes als die Flucht in den Mythos.

Die "Chymische Hochzeit" stellt im Mythos die Idee der kabbalistischen Alchimie dar: Die Versöhnung des Mikrokosmos mit dem Makrokosmos, des irdischen Adam mit dem himmlischen, des gläubigen Menschen mit der Schechina Gottes. Die sogenannte "Fama Fraternitatis" charakterisiert die Bewegung, welche der Schülerkreis um Oetinger sich damals wohl erträumt hatte. Die Fama spricht davon, dass alle 120 Jahre einer der "unsichtbaren Meister" in die Öffentlichkeit treten würde. Und, welch ein Zufall, 130 Jahre nach Erscheinen von Picos "Conclusiones"1486 erscheint die "Fama"1616. Hundertzwanzig Jahre vor Pico aber soll Christian Rosenkreuz gelebt haben (1350), von dem der Rosenkreuzer- Mythos spricht. Und abermals 120 Jahre zuvor entstand die kabbalistische Bewegung in Katalanien, welche den Sohar hervorgebracht hat77. Ein Zufall? Ich folgere, dass Andreae die mythologisierende Sprechweise gewählt hat, um seine auf die Kabbala gerichteten Hoffnungen der pietistischen Öffentlichkeit zu verdecken. Für Gleichgesonnene mögen Andreaes Hinweise eindeutig gewesen sein. Was die Welt daraus machte, ist ein anderes.

Einmal in die Welt gesetzt, wurde der Mythos um die "Meister" vor allem in der nichtoffiziellen, sogenannten "mystischen" Freimaurerei weitergegeben. Man war hier der Meinung, dass tatsächlich irgendwelche "Meister" existierten. Das mythologische Bild interpretierte man als Wirklichkeit. Der Nachweis für die Existenz der "Meister" wurde nie erbracht. Blavatsky war selbst jahrelang auf der Suche nach ihnen, konnte dies allerdings nie beweisen. Ihr blieb schließlich nur noch die Möglichkeit, eine "telepathische" Verbindung zu den Meistern zu behaupten. Physisch konnte sie selbst die "Meister" nicht ausmachen, auch nicht bei ihren Besuchen in Indien und dem Versuch, nach Tibet zu gelangen.78

Kehren wir zurück zu den Fragen der Mizraim- und Memphisfreimaurerei

Die Memphis- und Mizraimfreimaurerei entsprach den romantischen Bedürfnissen des 18. und beginnenden 19.Jahrhunderts: Der Ägyptenfeldzug Napoleons hatte zu einer aufsehenerregenden Begegnung mit dem Altertum geführt. Die Hieroglyphen- Texte waren rätselhaft, damals noch nicht zu entziffern und boten ein weites Feld für Spekulationen über ihre Bedeutung. Das Bedürfnis, die faszinierende Welt der Ägypter zu verstehen, verband sich mit der damals weit verbreiteten Annahme, dass die ägyptische Religion in der alttestamentlichen Religion aufgegangen sei und dass Moses die Inhalte der ägyptischen Religion nach Israel transportiert habe. All das war getragen vom romantischen Lebensgefühl und der Sehnsucht, sich mystischen Gefühlen hinzugeben. Mystische Erfahrungen wurden in Riten gesucht, welche auf die Vorstellungen hin konstruiert wurden, die man sich damals von der altägyptischen Religion machte. Der romantische Schriftsteller und Musiker Fabre d'Olivet war ein Mitglied des Memphis- Ordens. Aus Fabre d'Olivets Schriften spricht die Hoffnung, in Ägypten den Schlüssel für die verloren geglaubten religionsgeschichtlichen Rätsel zu finden. Mit der Kabbala meinte man einen Zipfel des Vorhanges erfasst zu haben, der das Allerheiligste vor den Augen der Öffentlichkeit verbarg.

Wenn man jedoch die Riten und Inhalte analysiert, welche in den Riten der Mizraim- und Memphisfreimaurerei geboten wurden, so muss man enttäuscht feststellen, dass die überspannten Erwartungen nicht eingelöst werden konnten. Die Riten waren aus einer sehr oberflächlichen Kenntnis der Kabala heraus gestaltet gewesen. Man hat fast den Eindruck, dass die Verfasser dieser angeblich "ägyptischen" oder"kabbalistischen" Riten ihr Wissen höchstens aus einem enzyklopädischen Werk bezogen haben. Sie scheinen keine kabbalistischen Schriften, nicht einmal deren Inhalte gekannt zu haben. Über diesen Sachverhalt muss man sich nicht wundern. Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert hatte in den veröffentlichten Werken von Reuchlin, Knorr von Rosenroth, Agrippa, Fludd, Trithemius und vieler anderer "christlicher Kabbalisten" einen viel größeren Zugang zu kabbalistischen Texten, als das neunzehnte. Diese lateinischen Texte las man im 19. Jahrhundert nicht mehr. Erschwerend kam zusätzlich, dass nach der Sabbatianischen Krise des Judentums es für nichtjüdische Gelehrte kaum mehr möglich war, bei Fachleuten der kabbalistischen Mystik Auskunft zu erhalten. Das gebildete Judentum hatte sich erschreckt von der Kabbala abgewendet. Und nur in nach außen hin abgeschirmten Kreisen wurde dies Gedankengut heimlich noch weiter gepflegt. Als Beispiel sei erwähnt: Der christliche Gelehrte Franz Molitor, der im 19.Jahrhundert als einer der intimen Kenner der jüdischen Mystik außerhalb des Judentums gelten kann, hat sich darüber laut beklagt, dass ihm von keinem gebildeten Juden eine tiefergehende Auskunft über die Kabbala gegeben werde. Die Tatsache, dass der kabbalistische Pseudo- Messias und Kabbalist Sabbataj Zwi öffentlich zum Islam übergetreten war(1667), hatte die Kabbala im Judentum so sehr in Mißkredit gebracht, dass die Kabbala fortan in den religiösen jüdischen Gemeinden als haeretisch galt und nur noch im Verborgenen weiterlebte. Die ägyptischen Hieroglyphen waren zu Beginn des 19.Jahrhunderts noch nicht entziffert, die kabbalistischen Texte schwer zugänglich. Als man daran ging, in der Memphisfreimaurerei Riten zu konstruieren, griff man deshalb auf die oberflächlichen Formeln zurück, welche im öffentlichen Bewusstsein von der Kabbala hängen geblieben waren. Schon aus dieser Tatsache ergibt sich, dass die Memphis- und Mizraim- Riten in der Wende zum 19.Jahrhundert entstanden sein müssen. Sowohl zu einem früheren Zeitpunkt wie auch zu einem späteren (etwa im Zusammenhang der Golden- Dawn- Bewegung) wären diese Riten nicht so dürftig ausgefallen wie zu jener Zeit, als sie konstruiert wurden.

Die Mizraim- und Memphis- Freimaurerei hat im 19.Jahrhundert in Frankreich nicht lange existiert. Als nach der Februarrevolution von 1848 die Restauration in Frankreich einsetzte, wurden alle Geheimgesellschaften verboten. Von dieser Zeit an gab es die Memphis- und Mizraimfreimaurerei in Frankreich nicht mehr. Einige Franzosen sollen aber ihr freimaurerisches Gedankengut nach ihrer Auswanderung in den USA weiterhin gepflegt und dort neue Logen gegründet haben. Jedenfalls fand der Amerikaner John Yarker (1833-1913) bei seiner Suche nach den verschiedensten Logensystemen Reste dieser Freimaurerei in den USA und belebte sie im Jahr 1876 wieder. Er kombinierte das, was diese Reste noch hergaben mit Schottischen Hochgradriten zu einem "Überritus". In dieser Gestalt erlangte dann der Memphis- und Mizraimritus gegen Ende des 19.Jahrhunderts in der okkultistischen Szene wieder eine gewisse Wirkung79.Von Hochgraden spricht man deshalb, weil Yarker sein System in 33, später in 99 hierarchisch gegliederte Grade einteilte, die der Aspirant normalerweise nacheinander durchlaufen sollte. Die sogenannte "Hochgradmaurerei" war eine Spezialität des 19.Jahrhunderts. In den niederen Rängen der Yarkerfreimaurerei musste man religiöse, philosophische und mystische Literatur bearbeiten; in den höchsten Rängen wurde das Studium der Alchimie, der Hermetik und der Kabbala betrieben. Das Patent der Yarker- Freimaurerei wurde 1877 Blavatsky zuerkannt80. Seither bestehen Verbindungen zwischen Yarkers Freimaurerei und Blavatskys Theosophical Society. Während Frau Blavatsky Yarker zum Ehrenmitglied (Honorary Fellow) ihrer Gesellschaft erklärte, teilte Yarker ihr nach der Veröffentlichung der "Entschleierten Isis" den Titel der "Gekrönten Prinzessin", den höchsten Grad für weibliche Mitglieder des Memphis- Mizraim- Ritus, zu. In das von Yarker geschaffene neue System konnten auch Frauen aufgenommen werden. Von daher gehört die Yarkersche Freimaurerei zur sogenannten Adoptionsmaurerei81. Von Blavatskys Mitgliedschaft in Yarkers Organisation her lässt sich dann auch Steiners Mitgliedschaft in der Yarker- Freimaurerei erklären.

3.3.3. Steiner und die Freimaurerei

Der regulären Freimaurerei gehörte Steiner nie an. Deshalb wird auch zurecht von offizieller anthroposophischer Seite die Frage verneint, ob Steiner Freimaurer gewesen sei. Darauf hat Marie Steiner immer wieder hingewiesen. Wohl aber gehörte Steiner acht Jahre lang (1906 bis 1914) einer irregulären freimaurerischen Bewegung an, und zwar an leitender Stelle. Es handelte sich dabei um die Mizraim- und Memphisfreimaurerei, der zuvor schon Blavatsky angehört hatte. Durch seine Mitgliedschaft im Memphis- und Mizraimorden hat sich Steiner allerlei Ballast eingehandelt, der auch heute immer noch unhinterfragt weiter und immer weiter tradiert wird. Darüber hinaus steht die Mizraimfreimaurerei in einer Beziehung zu Okkultisten, die keinen guten Ruf genießen. Was es damit auf sich hat, soll hier zur Sprache kommen.

Zwei Personen vermittelten Steiner den Zugang zur Yarker- Freimaurerei. Da war zum einen der Präsident der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland, Hübbe - Schleiden. Dieser korrespondierte mit John Yarker und wurde von ihm auf den autorisierten Vertreter der Mizraim- Freimaurerei in Deutschland, Theodor Reuß (1855-1923), verwiesen. Durch Reuß erhielt Steiner dann die Papiere, welche ihn zum "Amtierenden General Großmeister des Obersten General Großrates des ägyptischen Ritus (90°) von Mizraim in Deutschland" erklärten. Theodor Reuß hatte ab 1902 die von Yarker wiedererweckten oder neu zusammengestellten Hochgradriten in Deutschland vertreten.

Theodor Reuß82 stand in keinem guten Ruf. Den einen galt er als Betrüger, den anderen als Spion. Der von Reuß begründete O.T.O- Orden (Ordo Templi Orientis) kam nach 1912 in den Einfluss von Edward Alexander (Aleister) Crowley (1875-1947). Und Crowley galt im Viktorianischen Zeitalter als Antichrist schlechthin. Bei näherem Hinsehen war Crowley ein Libertinist, der alle möglichen Modeideen seiner Zeit in die Wirklichkeit umsetzte: Als Guru seiner Thelema- Gemeinde, die sich ihm streng unterwarf, vertrat er die freie Liebe, den Konsum von Rauschmitteln, den Yoga und diverse magische Experimente.

Steiner schätzte Theodor Reuß von Anfang an recht kritisch ein. Der Mizraimfreimaurerei gegenüber allerdings war er zu wenig kritisch eingestellt. Dies beweist ein Briefwechsel aus dem Jahr 1905 zwischen Steiner und dem Großkaufmann Albrecht Wilhelm Sellin (1841-1933) aus Hamburg. Steiner:

"X (Reuß) ist kein Mensch, auf den in irgend wie zu bauen wäre. Wir müssen uns klar darüber sein, dass Vorsicht so dringend dabei nötig ist. Wir haben es mit einem 'Rahmen', nicht mit mehr in der Wirklichkeit zu tun. Augenblicklich steckt gar nichts hinter der Sache. Die okkulten Mächte haben sich ganz davon zurückgezogen. Und ich kann vorläufig nur sagen, dass ich noch gar nicht weiß, ob ich nicht eines Tages werde sagen müssen: das darf gar nicht gemacht werden"83.

Sellin war ein Mitglied einer offiziell anerkannten Freimaurerloge. Steiner erkundigte sich bei ihm über die Yarker- (Mizraim- und Memphis-) Freimaurerei. Sellin gab Steiner einen Rapport über die Yarker- Freimaurerei84. Dieser Rapport war sachlich und teilweise sogar kritisch. Sellin gab auch zu bedenken, ob Reuß vertrauenswürdig sei. Aber der einmal eingeschlagene Weg wurde von Steiner weiterverfolgt und schon ein Jahr später wurde Steiner führender Leiter der Yarker- Freimaurerei in Deutschland.

Als die Texte und Dokumente85 veröffentlicht wurden (1987), welche Steiners Mitgliedschaft in der Yarker- Freimaurerei bestätigen, löste dies vielfach Erstaunen und auch Bestürzung (wegen Crowley) hervor. Es erschien nun plötzlich so, als habe Steiner mit Theodor Reuß und seinem O.T.O (Ordo Templi Orientis) oder gar mit Aleister Crowley etwas zu tun gehabt. Das war jedoch nie der Fall. Steiner und Reuß gingen verschiedene Wege. Und Crowley stieß zu dieser okkultistischen Bewegung erst dann (1912), als Steiner sich schon wieder daraus löste (1914). Nach der Quellenlage ist dies eindeutig. Stefan Leber hat dies einleuchtend nachgewiesen86. Steiner hatte 1906 von Yarker durch Theodor Reuß sein Freimaurerpatent erhalten. Der O.T.O geriet aber erst 1912 in einen Kontakt zu Crowley. Im Jahr 1914 löste Steiner seinen Bereich der Memphis- und Mizraimfreimaurerei ganz auf.

Eigentlich könnte man Steiners Mitgliedschaft in der Mizraim- und Memphisfreimaurerei schnell abhandeln und dem Vergessen anheim stellen. Die Arbeit innerhalb der Yarker- Freimaurerei stellte einen missratenen Versuch dar, auch auf dem Terrain des praktischen Okkultismus Fuß zu fassen. Steiner besetzte diesen Bereich, damit von dorther nicht irgendeine "Nebenregierung" in seiner Theosophischen Gesellschaft entstehen konnte. Es wäre verhängnisvoll gewesen, wenn jemand in der Mizraim- und Memphisfreimaurerei sich etabliert und diese als das eigentliche "Herz der Theosophischen Gesellschaft" dargestellt hätte. Steiner richtete zwar Freimaurerlogen ein und hielt auch Riten und Vorträge darin ab, aber es gelang ihm eigentlich nicht, die Memphis- und Mizraimfreimaurerei umzugestalten und von dem ganzen okkultistischen Ballast zu befreien.

Heute sollte man diese ganze Angelegenheit ad acta legen. Es lohnt sich nicht, hier irgendwelche "höheren Erkenntnisse" zu suchen. Dem entgegen läuft allerdings eine Tendenz, alles gut zu heißen und zu überhöhen, was Rudolf Steiner je tat. In dieser Richtung liegen nämlich die Deutungen durch Hella Wiesberger87, welche den Texten vorangestellt sind, die aus dem Bereich der Mizraimfreimaurerei 1987 veröffentlicht wurden. Diese nachträgliche Deutung stellt alles aus der Steiner- Freimaurerei in ein überirdisches Licht. Allerdings trug Steiner selbst auch durch unklare Redeweisen dazu bei, dass heute immer noch Unklarheiten über die Fragen der Mizraimfreimaurerei bestehen. Ein Beispiel dafür gibt seine Autobiographie:

"Einige Jahre nach dem Beginn der Tätigkeit in der Theosophischen Gesellschaft trug man von einer gewissen Seite her Marie von Sivers und mir die Leitung einer Gesellschaft von der Art an, wie sie sich erhalten haben mit Bewahrung der alten Symbolik und der kultischen Veranstaltungen, in welchen die "alte Weisheit" verkörpert war.88


Steiner zierte sich enorm, Farbe zu bekennen. Das hängt auch damit zusammen, dass jener Theodor Reuß, von dem Steiner sein Freimaurerpatent käuflich erworben hatte, schon 1906 in einen Skandal verwickelt war. Weitere Skandale um Crowley ereigneten sich gerade zu jener Zeit, in der Steiner seine Autobiographie schrieb (1925). Er distanzierte sich von Reuß deshalb auch mit folgenden Sätzen:

"Ich dachte nicht im entferntesten daran, irgendwie im Sinne einer solchen Gesellschaft zu wirken. Alles Anthroposophischen sollte aus seinem eigenen Erkenntnis- und Wahrheitsquell hervorgehen. Von dieser Zielsetzung sollte um das Kleinste nicht abgegangen werden. Aber ich hatte Achtung vor dem historisch Gegebenen. In ihm lebt der Geist, der sich im Menschenwerden entwickelt. Und so war ich auch dafür, dass ich, wenn irgend möglich, Neu- Entstehendes an historisch Vorhandenes anknüpfe.89"

Steiner dachte also "nicht im entferntesten daran, irgendwie im Sinne einer solchen Gesellschaft zu wirken..." Klartext: er dachte nicht daran, in Reußens Gesellschaft zu wirken. Das darf man ihm abnehmen. Theodor Reuß war ja kein belesener oder gar gut orientierter Kenner des Okkultismus. Das gab er gar nicht vor zu sein. Und das war Steiner wohl auch sofort klargeworden. Deshalb betrachtete ihn Steiner auch nicht als eine Autorität in Sachen Okkultismus. Aber - und das erstaunt uns dann doch - er scheint ihn formal als berechtigten Vertreter einer ernstzunehmenden Tradition anerkannt zu haben. - Und die hier zitierte Äußerung wurde in den letzten Lebenswochen von Steiner gemacht. Steiner hat wohl in der Tat nicht erkannt, dass Theodor Reuß nur ein Titelhändler war. Und auch den Inhalt des erworbenen Patentes verkannte Steiner als "alte Weisheit". Hier rächte sich Steiners unkritischer Umgang in literargeschichtlichen Fragestellung. In unkritischer Art hatte Steiner nicht überprüft, was eigentlich diese Freimaurerbewegung darstellte90, deren Patent er besaß. Wenn er bis zuletzt daran festhielt, dass diese Freimaurerei "altes Wissen" beinhaltet habe91, so kann man vermuten, dass Steiner selbst bis zum Ende seines Lebens an das angeblich "hohe Alter" der im 18./19. Jahrhundert begründeten Bewegung glaubte.

Steiner ging es bei der Verleihung des Freimaurerpatents vor allem um den Titel als solchen. Seine Äußerungen in diesem Zusammenhang machen deutlich, dass es ihm nicht um die Übernahme von Inhalten aus der Freimaurerei ging. Es ging ihm darum, das Recht zu erwerben, gewisse Riten umzugestalten und abzuhalten, die zu der Mizraim- und Memphisfreimaurerei gehörten. Der erworbene Titel verlieh Steiner zusätzlich eine besondere Autorität für diejenigen Mitglieder der theosophischen Bewegung, welche jener Freimaurerei angehörten. Denn jetzt war Steiner für den "Memphis and Mizraim Ritus der Freimaurerei" zum "Amtierenden General- Großmeister 33.° 90.° 96.° für das Deutsche Reich" ernannt worden. Das heißt, wenn ein deutscher Theosoph esoterische Stunden veranstalten wollte, die auf Blavatskys Esoterical Section (E.S.) reflektierten, dann kam er nicht an Steiner vorbei, denn die Organisation der Esoterischen Section war mit einem Freimaurerpatent verknüpft. Steiner besaß nun die "Jurisdiktion über sämtliche im Deutschen Reiche bestehenden Organisationen dieses Ritus". Damit hatte er für Deutschland die Kontrolle über die E.S. Und über die Mizraim- und Memphisfreimaurerei.

Zusammenfassend können wir festhalten: Steiner wurde führendes Mitglied einer freimaurerischen Organisation, für die er offiziell gar nicht arbeiten wollte, ja die er am liebsten verleugnet hätte. Dann nahm er Mitglieder in diese Organisation auf und bearbeitete für diesen Zusammenhang Riten, die er sich auch anders hätte verschaffen können. Durch seine Stellung in der Yarkerfreimaurerei war es ihm aber möglich, seine Stellung innerhalb der Theosophischen Gesellschaft zu festigen. Eine mögliche Konkurrenzsituation war damit ausgeschlossen. Aber dafür ergaben sich andere unangenehme Aufgaben. So zum Beispiel die Notwendigkeit, sich gegen unliebsame Tendenzen innerhalb der Mizraim- und Memphisfreimaurerei abzugrenzen, wie zB. anlässlich des "Reuß- Skandals92" oder gegenüber der Richtung, die Aleister Crowley93 einschlug.

Erst 1914 hatte Steiner realisiert, dass hinter der Yarker- Freimaurerei nichts steckte als heiße Luft, nach außen hin verbrämt durch ehrwürdige Legenden, dunkle Kulte und Geheimnisverpflichtungen. Die Yarker- Freimaurerei hatte etwas zu sein vorgegeben, was außer in der Phantasie ihrer Gründer niemals existiert hatte. Blavatsky war ein hoher freimaurerischer Titel von John Yarker zuerkannt worden, ohne dass sie sich darum beworben hatte. Nach ihr meinte dann auch Steiner, einen hohen Rang in jener Freimaurerei einnehmen zu müssen. Dieses Verhalten gibt doch nur dann einen Sinn, wenn man es unter folgendem Gesichtspunkt betrachtet: Blavatsky und leitende Persönlichkeiten der Theosophical Society waren auch Mitglieder des Mizraim- und Memphisordens und für den inneren Zirkel (besonders für die Esoterical Section) der Theosophical Society war eine Doppelmitgliedschaft zur Yarker- Freimaurerei die Regel. Unter diesem Gesichtspunkt gibt Steiners Verhalten einen Sinn. Indem sich Steiner zum Großmeister der Memphis- und Mizraim- Freimaurerei in Deutschland erklären ließ, verhinderte er, dass jemand anderes an ihm vorbei eine Konkurrenzsituation in der theosophischen Bewegung hätte aufbauen können.

Das wenige, was Steiner über Crowley zu hören bekam, muss ihm gehörige Magenschmerzen verursacht haben. Steiner nahm den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum Anlass, seine freimaurerische Organisation aufzulösen. Er zerriss bei einer öffentlichen Veranstaltung 1914 das Patent, das ihn zum Großmeister ernannt hatte und kündigte die Memphis- und Mizraimfreimaurerei. Auf die weiteren Einzelheiten zur Memphis- und Mizraimfreimaurerei möchte ich hier nicht weiter eingehen. Sie sind ausführlich und mit gleichlautendem Ergebnis schon von Stefan Leber94, Helmut Möller/ Ellic Howe95 und R.Koenig96 untersucht und veröffentlicht worden. Der Bericht von Karl Frick97 über diesen Sachverhalt wurde angefertigt, bevor die Texte über Steiners Mitgliedschaft in der Freimaurerei von der Nachlassverwaltung in Dornach veröffentlicht wurden. Sie sind deshalb in mancher Hinsicht fehlerhaft und müssen korrigiert werden.

Es soll aber noch ein kurzer Blick auf die Riten geworfen werden, welche Steiners Mizraim- und Memphisfreimaurerei konstituierten. Würde man dies nicht tun, so bliebe vielleicht die positive Vermutung im Raum, es handele sich bei diesen Inhalten um irgend etwas Wertvolles. Ein näherer Blick zeigt aber, dass diese Riten inhaltlich missraten und in ethischer Hinsicht sogar fragwürdig sind.

3.3.4. Die Riten der Mizraim- und Memphisfreimaurerei

Steiner hat die ihm vorgelegten Riten teils übernommen, teils neu formuliert und auch inhaltlich neu gestaltet. Im Jahr 1987 erst sind diese Texte durch die Rudolf Steiner Nachlassverwaltung veröffentlicht worden98. Den vier verschiedenen Riten, die hier vorliegen, ist deutlich anzusehen, dass sie in jeweils verschiedenen Umfeldern entstanden sind.

Der Ritus zur Eröffnung der Loge wie auch der Ritus zur Aufnahme in den ersten Grad (Lehrlingsgrad) verwendet "kabbalistische" Elemente, wenngleich hier eine Beziehung zur Kabbala nur noch sehr oberflächlich gegeben ist. Im Eröffnungsritus wird ein Tempel errichtet, welcher den drei Säulen des Weltenbaumes, von dem der Sohar spricht, nachempfunden ist. Beide Riten wurden in Steiners Loge "Mystica aeterna" praktiziert. Der Aufnahmeritus in den zweiten Grad (Gesellengrad) besitzt "alchemistische" Elemente. Alchemie spielt insofern eine Rolle, als die Verwandlung und Läuterung des Menschen durch Feuer- und Wasserproben dargestellt ist. Den dritten Grad (Meistergrad) eröffnet ein Ritus, welcher die Hieram- Adonis- Legende dramatisiert. Dieser Ritus ist in Steiners Niederschriften nur fragmentarisch angedeutet und scheint nicht ausgeführt oder gar praktiziert worden zu sein.

Eine nähere Sichtung der drei fertiggestellten Riten zeigt deutlich die Handschrift Rudolf Steiners, nicht nur im Sprachduktus und in der verwendeten Begrifflichkeit, sondern auch inhaltlich durch die Hinzufügung von Elementen, die es so nur im Gedankenzusammenhang Steiners gibt99. Neben den frei gestalteten Hinzufügungen durch Rudolf Steiner gibt es in diesen Riten auch kürzere Passagen, welche belassen wurden. Man erkennt das besonders an der alten, dort verwendeten Sprachform. Vom Inhalt und Duktus her tragen alle Riten deutliche Merkmale des 18./19. Jahrhunderts. Nur ein romantisches Gefühl mag sie dem Altertum zuordnen.

Der Eröffnungsritus

Klickverweis: Zu den Texten der Memphis- und Mizraimfreimaurerei (nach Steiner)

Der Eröffnungsritus in der von Steiner vorgelegten Form ereignet sich in einem Tempel zwischen drei Altären, welche den drei Himmelsrichtungen (Osten, Süden und Westen) und zugleich den drei göttlichen Kräften "Weisheit" (Chokma), "Schönheit" (Hod) und "Stärke" (Gebura) zugeordnet sind, von denen die Kabbala spricht. Über diese begriffliche Zuordnung hinaus besteht keine weitere Beziehung zur Kabbala. Der ursprüngliche Verfasser dieses Ritus scheint keine weitere Kenntnis der Kabbala besessen zu haben. Und Steiner hat darüber hinaus keine weiteren kabbalistischen Gedanken in diesen Ritus eingeführt. Es ist fraglich, ob der Verfasser dieses Ritus überhaupt mehr von der kabbalistischen Mystik kannte als ein skeletthaftes Begriffsgefüge. Dann aber erhebt der Ritus gleichzeitig den Anspruch auf ein sehr hohes Alter. Die Legende, die dem Ritus mitgegeben wurde, besagt ja immerhin, in der Loge werde aufbewahrt, was Moses als "Eingeweihter" beim Auszug aus Ägypten mit nach Israel genommen habe. Wenn sich die Autorität des Moses in solchen Spielereien ergeben hätte, wie sie in diesem Ritus gegeben sind, dann hätte die Archäologie von Moses höchstens noch ein paar verschnörkelte Altarsäulchen ausgegraben. Moses wäre aber nicht die Gestalt gewesen, welche durch die Gründung des Volkes Israel nun schon drei Jahrtausende lang Spuren in der Geistesgeschichte der Menschheit hinterlassen hat.

Es ist auffallend, dass Steiner diesen ersten Ritus viel weniger umgestaltet hat als den zweiten. Er ist zugleich der am meisten gestaltete Ritus, der bis in Regieanweisungen und Rollenverteilungen hinein ausgearbeitet wurde. Das weist auch darauf hin, dass dieser Ritus wohl am häufigsten praktiziert worden ist. Der Ritus kann nicht in die Tiefe der jüdisch- kabbalistischen Mystik einführen. Dafür ist er viel zu oberflächlich. Es plätschert hier im vorreligiösen Geplänkel dahin.

  

Das Aufnahmeritual in den Lehrlingsgrad

Das Aufnahmeritual in den ersten Grad (Lehrlingsgrad) dagegen trägt deutlicher die Handschrift Steiners. Sein Inhalt lässt sich nicht kurz zusammenfassen. Jedoch folgend einige Gesichtspunkte:

Als erstes gelangt der Aufzunehmende in den Raum der Selbsterkenntnis. Seine Augen sind während eines Teils der Handlung verbunden. Ihm wird deutlich gemacht, dass er in seinem Leben nicht nur den Mächten des Guten, sondern auch den "Gegenmächten" gefolgt ist. Drastisch erfährt er das, indem er auf spiraligem Weg in einen Raum geführt wird, der die Hölle darstellt. Mit verbundenen Augen wird er vor ein "Totengericht" gestellt, der "Hölle" überantwortet und in einen "Abgrund" gestoßen. Der Abgrund stellt den Tod dar. Im Kommentar liest man dazu: "Man hört das Fallen von Ketten und das Zufallen eines Schlosses, wenn der Aufzunehmende in den Raum gekommen ist." Dann wird der Postulant an die "kabbalistischen" Säulen Achim und Boas geführt. Diese Säulen repräsentieren die beiden Seiten des göttlichen Daseins, von denen die Kabbala sprach: Die Seite des göttlichen Erbarmens und die Seite des Gerichtes oder der Strenge.

Wenn der Postulant an dieser Stelle angekommen ist, wird er durch eine (allgemein gehaltene) "Rückführung" bis zu seinem göttlichen Ursprung geführt. Diese Rückführung wird als Dialog zwischen der Seele und den "Gegenmächten" gestaltet. An ihrem Ursprung angelangt, soll sich die Seele dann neu für einen Lebensweg aus dem Geist der Wahrheit entscheiden. Der verdunkelte Raum wird gegen Ende der Handlung durch ein Licht erhellt als ein Zeichen, dass ihm das Licht des Geistes scheinen wird, wenn er in rechter Gesinnung sich verhält. Es folgt dann das Ritual der Logeneröffnung. Der Ritus schließt mit einem Schweigegelöbnis, zu dem sich der in den ersten Memphis- und Mizraimgrad neu Aufgenommene nun verpflichten muss:

"Ich gelobe und verspreche, dass ich ohne Zweizüngigkeit, ohne Schwachheit und ohne Doppelsinn mich im Sinne des Geistes des okkulten Grades halten und in diesem Sinne mich auch gegen Außenstehende dieses Grades halten werde ... " 100

Das Gelöbnis ist verbunden mit Selbstverwünschungen für den Fall, dass das Gelöbnis gebrochen werden sollte. Ob die Gelöbnisformel in der Weise auch angewendet wurde, wie sie notiert war, kann man nicht mit Gewissheit sagen. Sie ist jedenfalls kein Sondergut der Steiner- Freimaurerei, sondern bestand in ähnlicher Formulierung schon für Logen des 18.Jahrhunderts101. Überhaupt kann man sagen, dass der Steiner- Ritus den Rosenkreuzerriten des 18.Jahrhunderts nachgestaltet wurde.

Der Aufnahmeritus ist nicht nur wegen seinem perfiden Schweigegebot bedenklich. Er entfaltet mit seinen vielen dramatischen Mitteln auch eine große suggestive Wirkung: Dem Postulant werden die Augen verbunden, das Licht erlischt, im Finstern wird der Postulant einen labyrinthartigen Weg geführt, er wird von einer Höhe hinabgeworfen, Ketten klirren, teuflische Mächte sprechen ihn direkt an. Nachdem er auf diese Weise ganz auf sich selbst zurückgeworfen wird, muss der Bewerber sein Leben neu "wählen". Diese Lebenswahl aber ist keine echte Wahl. Denn aussteigen kann der Bewerber aus diesem Ritus an dieser Stelle nicht mehr. Sogleich geht nämlich der Ritus zum nächsten Schritt über: Zum Gelöbnis und zur Schweigeverpflichtung, die nun abgelegt werden muss. Und diese Schweigeverpflichtungen muss der Postulant jetzt, noch gewissermaßen in Trance, ablegen. Der Ritus sieht keine Lösung für den Fall vor, wenn der Postulant sich etwa gegen den eingeschlagenen Weg entscheiden sollte. Ist es schon bedenklich, jemanden durch suggestive Dramatik in solch eine Situation zu bringen, so ist es erst recht verwerflich, von ihm dann auch noch Selbstverwünschungen für den Fall abzuverlangen, dass er sein Schweigegebot brechen sollte.

Man wundert sich darüber, dass "aufgeklärte" Menschen noch zu Beginn des 20.Jahrhunderts solche Prozeduren mit sich haben machen lassen. Denn diesem Ritus gehörten immerhin weit über hundert Mitglieder an. Es ist nur gut, dass Steiner selbst im Jahre 1914 diesem Spuk ein Ende bereitet und den Orden aufgelöst hat102. Da sollte man ihn heute nicht à la Wiesberger nachträglich überhöhen und glorifizieren.

Der Aufnahmeritus in den zweiten Grad (Geselle) ist kurz, weniger dramatisch und liegt auch nicht in einer ausgearbeiteten Form vor. Es wurde an eine Feuer- und an eine Wasserprobe gedacht, welche zur Selbsterkenntnis des Geistes im Menschen führen sollte. Alchemistische Symbole werden dabei verwendet (Salz, Asche). Auch am Ende des zweiten Ritus muss der Postulant wieder in einer feierlichen Selbstverpflichtung sich auf ein Schweigegebot festlegen.

Im Aufnahmeritus zum 3.Grad (Meister) wird dann noch einmal alles an suggestiven Mitteln aufgeboten, was der Hieram- Adonismythos zur Verfügung stellt: Die Handlung dramatisiert symbolhaft die Ermordung des Postulanten, seine Einsargung und seine Wiedererweckung durch das "Wort".

3.4. Zwischenbilanz

Ich habe lange gezweifelt, ob es gut sei, diese Zusammenhänge alle zu veröffentlichen. Aber es gab zwischen 1970 und 1990 Bestrebungen, die Steiner - Freimaurerei wiederzubeleben. Eine Initiativgruppe dachte, in Steiners Mizraimfreimaurerei das gefunden zu haben, aus dem sich die Anthroposophie schöpferisch entwickeln ließe. Zwar wurde diese Gruppe von der "offiziellen Bewegung" geächtet. Und mehr als ein provokativer Versuch ist nie daraus geworden. Aber es herrschte doch eine gewisse Unsicherheit darüber, wie Steiners freimaurerische Aktivitäten zu bewerten seien.

Ich hoffe, es ist klar geworden, dass die freimaurerischen Aktivitäten Steiners durch seine Tätigkeit innerhalb der Esoterical Society (E.S.) bedingt waren haben. Das war ein "Rahmen", innerhalb dessen Form er seine eigene Esoterik pflegte. Da Steiner 1914 selbst diesen "Rahmen" (als was er seine Mizraimfreimaurerei bezeichnete) weggeworfen hat, ist es nicht authentisch, ihn heute wieder hervorzuholen. Es lohnt sich auch nicht. Die Texte zeigen, dass es sich um minderwertige oder gar bedenkliche Inhalte aus der okkultistischen Bewegung des 18./19.Jahrhunderts handelt. Solche Dinge gehören auf den "Misthaufen der Geschichte".

Es ist gut, dass die dort praktizierten Riten nicht weiter ausgeübt wurden. Sie sind zu sehr mit dem Okkultismus des 18. und 19.Jahrhunderts verbunden und gehen, inhaltlich gesehen, auch nur wenig darüber hinaus. Mit der Trennung Steiners von der Theosophischen Gesellschaft 1912 konnte er seine Esoterik unabhängig von der E.S. der Theosophical Society fortführen. Es bestand dann auch keine Notwendigkeit mehr, der Freimaurerei anzugehören. Von daher war es logisch, dass Steiner 1914 seinen freimaurerischen Zusammenhang auflöste. Steiner trennte sich 1912/1914 also nicht nur von der englischen Theosophical Society, sondern auch noch aus anderen okkultistischen Zusammenhängen, die er von dorther "geerbt" hatte.

Bedenklich sind auch andere Inhalte, die aus dem Okkultismus des 19.Jahrhunderts herkommen: Hierhin gehören die rassistischen Redeweisen und heute überholte, unreflektierte Annahmen über die Evolution. Marie Steiner bezeichnete diese Inhalte als "aus der Akasha- Chronik" hergenommen. Aber zu dem Zeitpunkt, als diese Inhalte unter jener Überschrift veröffentlicht wurden, war Steiner schon längst gestorben. Es geht nicht auf Steiner selbst zurück, dass diese Inhalte einem "Schauen" entsprungen seien. Sie sind es auch nicht. Denn diese Inhalte entstammen der okkultistischen Literatur des 19.Jahrhunderts. Marie Steiner konnte nicht unterscheiden, was Steiner selbst gedacht hatte und was er der Literatur entnommen hatte. Sie war eine Künstlerin, die wenig Ahnung von okkultistischer Literatur hatte.

Der Blick zurück zeigt, dass einiges an okkultistischem Ballast aus dem 19.Jahrhundert in die Theosophische Gesellschaft 1902 bis 1914 hinübergenommen worden war. Das liegt weit entfernt vom eigentlichen Ansatzpunkt Steiners, den er in seiner Philosophie der Freiheit gesetzt hatte. Dieser Ansatzpunkt war philosophischer Natur. Wir haben dies in einem anderen Internet- Text als "Steiners Monismus" heraus gearbeitet.

Im theosophischen Zusammenhang hat sich Steiner aber auch nicht völlig verhakt und verfangen. Das zeigt die Tatsache, dass er monistische Ideen, die er als seinen Ansatzpunkt bezeichnet hat, auch innerhalb der Theosophischen Gesellschaft vertreten hat. Er tat dies zumindest mit den drei "Grundschriften"103 die nun anschließend analysiert werden sollen. Allerdings ist bei diesen Grundschriften nicht sofort ersichtlich, dass sie das monistische Weltbild darstellen. Sie tun es nämlich in einer "theosophischen Verkleidung". Also im theosophischen Denkzusammenhang und in theosophischer Terminologie.

Man interpretiert Steiner sicher nicht falsch, wenn man den okkultistischen Ballast abwirft und sich dem zuwendet, wo Steiner aus seinem ursprünglichen monistischen Anliegen heraus eigenständig denkerisch tätig geworden ist.

Klickverweise:

Index   Zur Ausgangsseite
Theosophie   Zur folgenden Textseite
   Zu den Literaturangaben


 

Fußnoten:

1   ENCAUSSE, Gérard (Pseudonym: Papus); Die Kabbala, Paris 1901 deutsch: Leipzig 1910 (übersetzt und herausgegeben von Julius Nestler).
ENCAUSSE, Gérard (Pseudonym: Papus); Traité élémentaire de Science Occulte, Paris 1903
2   MATHERS, McGregor; The Kabbalah Unveiled. London 1887
Der Mitbegründer des Golden- Dawn, S.L.G.Mathers, fertigte eine englische Übersetzung aus Teilen der lateinischen Übersetzung kabbalistischer hebräischer Texte an, welche Knorr von Rosenroth ausgewählt und vom Hebräischen ins Lateinische übertragen hatte. Da muss man dann doch fragen: Was bleibt nach einer zweimaligen Übersetzung und nach einer Auswahl aus einer Auswahl noch vom Original übrig?
3   Scholem, Gershom; Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen, Zürich 1957; Frankfurt 1980 (TB) S.3
4   Ein Levit gehört zur Priesterkaste Israels. Das Priestertum wurde durch Vererbung weitergegeben.
5   2 Kön 2,1-18. Sir 48,1-11
6   1856 war Blavatsky in Frankreich:
"Eine Begegnung mit dem (...) französischen Okkultisten Eliphas Lévi, der 1854 sein "Dogma der Hohen Magie" und 1856 sein "Ritual der Hohen Magie" veröffentlicht hatte, ist nicht auszuschließen, aber historisch nicht nachweisbar."
In: FRICK, Karl R.H.; Die Erleuchteten. Gnostisch- theosophische und alchemistisch - rosenkreuzerische Geheimgesellschaften im 19. und 20.Jahrhundert..
Ein Beitrag zur Geistesgeschichte der Neuzeit Band II Graz 1973 S.262f
7   Lévi bezeichnete seine Quellen:
"Les livres qui traitent des espritssuivant les kabbalistes sont la Pneumatica kabbalistica qui se trouve dans le Kabbala denudata du Baron de Rosenroth, le Liber des revolutionibus animarum par Isaac de Loria, le Sepher Druschim, le livre de Mosché Corduero, et quelques autres moins célèbres." (...)"Nous en donnons ici, non pas l' abrégé seulement, mais en quelque manière la quintessence. Nous y avons joint les trente- huit dogmes kabbalistiques, tels qu'on put les voir dans la collection des kabbalistes publiée par Pistorius."
In: Éliphas Lévi; La Science des Esprits, La Roche sur Yon, 1976 S.126
8   Fabre d'Olivet war nicht nur Schriftsteller. Er war auch Mitglied der Mizraim- Freimaurerei und verbreitete in diesem Zusammenhang den Mythos des angeblich hohen Alters dieser Einrichtung aus dem 19.Jahrhundert.
9   Fabre d'Olivet; Les Vers dorés de Pythagore. Paris 1813
Fabre d'Olivet, Antoine; La langue hébraique restituée, Paris 1816
Fabre d'Olivet, Antoine; Histoire philosophique du genre humain, Paris 1822
"... le véritable sens du texte sacré, ce texte restait tout entier enveloppé dans ses caractères dont une tradition orale conservait l'intelligence. Cette tradition appelée Kabbale, était surtout le partage des Esséniens, qui la communiquaient secrètrement aux initiés, en négligeant les points, ou en les qupprimant tout-à-fait." In: La Langue hébraique restituée, Bd.
I, S. 29
Die von Fabre d'Olivet dargelegten Thesen werden von Blavatsky in "Entschleierte Isis" referiert.
In Fabre d'Olivet, Antoine; La langue hébraique restituée, Bd II, S. 8 lesen wir:
"Le roi d'Egypte seul était initié de droit [...]. Voilà qu' elle était la situation des choses en Egypte, lorsque Moyse obéissant à une impulsion spéciale de la Providence, marcha dans les voies de l' initiation sacerdotale, [...]."
10   Blavatsky zitiert Lévi (La Science des Esprits p. 37) über Jesus: Der Kreuzestod: "All dies," sagt Levi, "weil er dem Volke die Wahrheiten aufdeckte, die sie (die Pharisäer) für ihren eigenen Gebrauch aufzubewahren wünschten. Er hatte die okkulte Theologie Israels geweissagt, hatte sie mit der Weisheit Ägyptens verglichen und dabei den Grund für seine universelle Synthesis gefunden." (H.P.Blavatsky; Entschleierte Isis, BD II Leipzig 1909 S. 202)
11   Johann Maier ordnet das Toledot Jesu dem 11.Jahrhundert zu und verweist darauf, dass in dieser Schrift der jüdische Standpunkt im der Auseinandersetzung zwischen "Kirche und Synagoge" zum Ausdruck gebracht worden sei. Das Toledot Jesu erbitterte im Mittelalter kirchliche Kreise sehr und trug zur Verschärfung der Konflikte bei.
In: Maier, Johann; Geschichte der jüdischen Religion Berlin 1972 S.398
12   H.P.Blavatsky; Entschleierte Isis, Bd II Leipzig 1909 S. 201 zitiert Lévis 'Wissenschaft der Geister'
13   Johann Maier, Geschichte der jüdischen Religion S. 319 ff u. 398 f
14   Scholem, Gershom; Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen, Frankfurt 1980 S. 171-223
15   Scholem, Gershom; Die jüdische Mystik ... S. 22 Und:
Scholem, Gershom; Die Erforschung der Kabbala von Reuchlin bis zur Gegenwart. Berlin 1962
16   Scholem weist in: Scholem; Die jüdische Mystik ... S. 23 darauf hin, dass Meir ibn Gabbai 1531 diese These in seinem Werk "Abodath ba-kodesh III dargestellt habe.
17   Pico della Mirandola; Conclusiones cabalisticae. Rom 1498
18   Johannes Reuchlin; De arte cabalistica. Haguenau 1517 und seine weitere Schrift
De verbo mirifico, Tübingen 1514
19   Als "christliche Kabbalisten" können ferner bezeichnet werden:
Der jüdische Konvertit Paul Ricci
Agrippa von Nettesheim (De occulta philosophia)
Robert Fludd; Utriusque cosmi Historia, Oppenheim 1620
Trithemius; Annalium Hirsaugensium Tomi II St. Gallen 1690
die beiden van Helmonts
Henry More
Pistorius (Artis cabalisticae, Basel 1587)
Knorr von Rosenroth (Kabbala denudata, Sulzbach 1677)
Julio Bartolucci; Bibliotheca Magna Rabbinica.
Rom 1678-92
Anton Kircher, Oedipus Aegyptiacus. Rom 1623
Christoph Oetinger (1702-1782: Philosophia Sacra)
Michael Maier
des weiteren: Postel, Thomas Vaugham, Ralph Cudworth, Thomas Burnet, Stanislaus Guaita, Leon Meurin, Eckartshausen und in gewisser Weise auch Jacob Boehme
Einen zeitgenössischen Versuch, kabbalistische Ideen in die Theologie aufzunehmen, kann man in den Schriften des Tübinger Theologen Jürgen Moltmann finden.
20   Franck, Adolphe; La Kabbale. Paris 1843 S. 52, 66, 114
21   Die Kabbala hat mittelalterliche Sprachelemente, setzt die Philosophie des Maimonides (geb.1135), Jehuda Hallevi (1075-1141) und die frühmittelalterlichen Schriften Sepher Jezirah (4.-6.Jh.) und Bahir voraus. Siehe hierzu ausführliche Analysen:
Maier, Johann; Geschichte der jüdischen Religion. Berlin 1972
Scholem, Gershom; Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen, Frankfurt 1980
Die Ansicht, dass die Kabbala im Mittelalter entstanden sei, wurde übrigens von deutschen Gelehrten (anders als die französiche Schule) auch schon im 19.Jahrhundert vertreten. Hierzu:
Tholuck; De ortu cabbalae; Hamburg 1837
Jellineck; Beiträge zur Geschichte der Kabbala. Zwei Hefte Leipzig 1852 und:
Jellineck, Auswahl kabbalistischer Mystik. Leipzig 1854
Hirsch Grätz; Gnosticismus und Judentum. Krotoschin 1846
Neumark, David; Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters, Berlin 1907 S. 182 ff
22   Blavatsky nannte Franck, "den gelehrten hebräischen Forscher des Institutes und Übersetzer der Kabbala":
"Sind wir nicht berechtigt," ( fragt Franck) "die Kabbala als einen kostbaren Überrest religiöser Philosophie des Orientes anzusehen, die, nach Alexandrien übertragen, mit den Lehren des Platos und dem usurpierten Namen des Dionysos, des Areopagiten (...) vermengt worden war?" Blavatsky: "Die alte Kabbala, Gnosis und überliefertes Geheimwissen waren nie ohne ihre Vertreter in jedem Alter oder Lande."
In: H.P.Blavatsky; Entschleierte Isis, BD II Leipzig 1909 S. 42 
23   Sophie und Hans Schmidt; Katalog der von Rudolf Steiner zitierten oder erwähnten Werke. Typoskript, vorhanden in der Präsenzbibliothek des Goetheanums Dornach.
24   Beispielsweise bei Lothar Gassmann; Das anthroposophische Bibelverständnis. Wuppertal 1993
In seiner Analyse von Steiners Bibeltheologie ist es Gassmann allerdings vollständig entgangen, dass Steiner eine (pseudo-)kabbalistische Sichtweise vertreten hat.
25   Lévi; Schlüssel zu den großen Mysterien nach Henoch, Abraham, Hermes Trismegistos und Salomon. Ausgabe Wien/München 1928 S. 90
26   Lévi; Schlüssel... S. 88
27   Lévi; Schlüssel... S. 6
28   Lévi; Schlüssel ... S.6
29   Lévi hat diese Übersetzung dem angegebenen Text "Schlüssel zu den großen Mysterien nach Henoch, Abraham, Hermes Trismegistos und Salomon" beigegeben.
Das Buch Jezirah ist eines der ersten kabbalistischen Werke, welches aus dem Hebräischen in europäische Sprachen übersetzt wurde. Die erste Übersetzung legte, meines Wissens nach, der jüdische Konvertit Paul Ricci vor.
30   Johann Maier, Geschichte der jüdischen Religion, Berlin 1972 S. 198
31   Lévi; Schlüssel ... S.6
32   ENCAUSSE, Gérard (Pseudonym: Papus); Die Kabbala, Paris 1901 deutsch: Leipzig 1910 (übersetzt und herausgegeben von Julius Nestler).
ENCAUSSE, Gérard (Pseudonym: Papus); Traité élémentaire de Science Occulte, Paris 1903
33   Papus, Traité élémentaire de Science Occulte, Paris 1903 S. 12
34    "In Frankreich gehörte Yarker dem Obersten Rat des von dem Führer der französischen Martinisten und Okkultisten, Papus, gegründeten Ordre Martiniste an. Papus war dafür "Großmarschall" des von Yarker und später von Westcott geleiteten Swedenborg- Ritus."
Zitiert nach: FRICK, Karl R.H.; Die Erleuchteten. Gnostisch- theosophische und alchemistisch - rosenkreuzerische Geheimgesellschaften im 19. und 20.Jahrhundert Band II,2 Graz 1973 S 207
35   Papus; Die Kabbala. Deutsch von Julius Nestler, Leipzig 1910, Paris (3) 1903 S.63
Fabre d'Olivet; Langue Hébraique restituée, Paris 1825 und
Fabre d'Olivet; Histoire philosophique du Genre humain.
36   Papus; Die Kabbala S. 63
37   Tholuck; De ortu cabbalae. Hamburg 1837
Joel, D.H.; Die Religionsphilosophie des Sohar und ihr Verhältnis zur allgemeinen jüdischen Theologie. Leipzig 1849
Jellinek, Adolph; Moses de Leon und sein Verhältnis zum Sohar. Leipzig 1851
38   Scholem, Gershom; Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen, Zürich 1957; Frankfurt 1980 (TB) S.171-223
39   Papus; Die Kabbala.
Auf Seite 134 zB. referiert Papus eine Studie von A.Franck, welche die Entstehung des Buches Jezirah ins siebte und die Entstehung des Sohar ins 13.Jahrhundert verlegte - so, wie man dies heute auch noch datieren würde.
40   FABRE D'OLIVET; Antoine; La langue hébraique restituée, Paris 1816
FABRE D'OLIVET; Antoine; Histoire philosophique du genre humain, Paris 1822
41   Sédir verlegte die Kabbala, wie Fabre d'Olivet, in die mosaische Zeit.
42   PICO DE MIRANDOLA; Conclusiones sive Theses DCCC Romae anno 1486, publice disputandae sed non admissae; In: Traveaux d'Humanisme et Renaissance Bd 131, Hg. Bohdan Kieszkowski, Genf 1973
43   Stanislas Guaita in seiner Ausdeutung der kabbalistischen Tafeln von Khunrath (1609)
44   Kircher; Oedipus Aegyptiacus
45   Zitiert nach Papus; Die Kabbala S. 41
und auf S. 64 fährt Papus noch deutlicher fort:
"So wie wir die Kabbala auffassen, ist sie die vollständigste Zusammenfassung dessen, was von der Lehre der ägyptischen Mysterien auf uns gekommen ist".
ferner: "cette science était enfermée dans les temples, centres de haute instruction et de civilisation " In: Traité élémentaire ... S. 21
46   Papus; Die Kabbala S. 41
47   Papus; Die Kabbala S. 41
48   Die esoterische Richtung, welche noch heute unverändert an der Schule der französischen Okkultisten des 19.Jahrhunderts festhält, wird u.a. von A.Leuenberger vertreten.
49   Papus; L'illuminisme en France 1767-1774. Martinez de Pasqually. Sa vie, ses pratiques magiques, son oevre, ses disciples d'après des documents inédits, Paris 1895
Und:
Papus; L'illuminisme en France 1771-1803, Louis- Claude de Saint- Martin. Paris 1902
Papus/ Teder; Recueil de l'ordre martiniste dressé sous la direction du supreme conseil de l'ordre. Paris 1913
50   Viatte; Les sources occultes du romantisme, illuminisme, theosophique (1770-1820). Paris 1928 Und:
Franz von Baader; Les entretiens secrets de Martinez de Pasqually, traduits par un chevallier de la Rose- Croix.
Paris 1900
51   Zwischen Papus und den englischen Okkultisten bestanden literarische Beziehungen: Papus übersetzte seine kabbalistischen Texte aus englischen Fassungen, welche McGregor Mathers 1887 gegeben hatte ins Französische und fügte sie seiner Schrift "La Cabale" bei. Es handelt sich bei dem, was Papus vorlegte, um eine Übersetzung dritten Grades. Ursprünglich übersetzte Knorr von Rosenroth 1677/84 den hebräischen Text ins Lateinische, den dann Mathers ins Englische übertrug und Papus dann wiederum ins Französische brachte. Natürlich muss man da anfragen, was bei einem so langen Übersetzungsweg noch vom Original übrig geblieben ist.
Der von Papus herangezogene Text ist:
McGregor Mathers; Kabbala Unveiled, London 1887
52   nach Kircher, Sabbathier und dem, was Lévi aus dem Buch Sepher Jezirah exzerpiert hatte.
53   In seiner Schrift "Aus der Akasha- Chronik" (1904/08) vertrat Steiner zB. die Auffassung von sieben Wurzelrassen und deren Unterrassen, welche in der Menschheitsgeschichte vorhanden seien.
Rudolf Steiner; Aus der Akasha- Chronik 1904/1908 GA 11
Netz- Link:
Antifaschistische Nachrichten - Steiners Rassismus
54   Papus bezieht sich in dieser Frage auf A. Franck. Papus, Die Kabbala. S. 135
55   Marie Steiner gab bei der späteren Veröffentlichung der Aufätze zur Entwicklungsgeschichte erst diesen tendenziösen Titel "Aus der Akashachronik".
56   Steiner, Rudolf; Aufsätze zur Evolutionsgeschichte; erstmals in der Zeitschrift "Lucifer- Gnosis" 1904- 1908 veröffentlicht. Dann von Marie Steiner als Buch unter dem Titel Aus der Akasha- Chronik (GA 11) herausgegeben.
57   Ein Beispiel: Der Theologe Grassmann wirft Steiner vor, er habe eine willkürliche Bibelexegese betrieben. Grassmann ist es aber völlig entgangen, dass Steiners Bibeltheologie in einer literarischen Tradition steht, welche die anthroposophische Deutung zwar nicht begründen, wohl aber verständlich machen.
GASSMANN, Lothar; Das anthroposophische Bibelverständnis, Wuppertal/ Zürich (2)1994
58   Steiner, Rudolf; Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums (1902) S. 116; daselbst auch S. 10
59   ebd. S. 117
60   Besonders die von Isaak Luria (1534-1572) geprägte spätere Kabbala erging sich in weitläufigen Reinkarnationsspekulationen. Dies kann man finden in:
Knorr von Rosenroth, Kabbala denudata I,4 und II, S. 245-477
Hierzu auch: Scholem, Gershom; Von der mystischen Gestalt der Gottheit S. 211ff
61   Brief an Wolfgang Kirchbach, Friedenau-Berlin 2.Oktober 1902
In: Steiner, Rudolf; Briefe I, GA 38 S.422 f
62   Tholuk vertrat schon in seiner Schrift "De ortu cabbalae" (Hamburg 1837) die Ansicht, dass die Kabbala durch den Einfluss der mittelalterlichen arabischen Philosophie entstanden sei. Siehe auch:
NEUMARK, David; Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters, Berlin 1907
Joel; Die Religionsphilosophie des Sohar und ihr Verhältnis zur allgemeinen jüdischen Theologie. Leipzig 1848
Jellinek, "Philosophie der Kabbala", Leipzig 1854
David Neumark; Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters. Berlin 1907 S. 182-206
63   So kann man davon ausgehen, dass Schelling die grundlegenden Begriffe der Lurianischen Kabbana über seinen Freund, den Kabbalaforscher Franz Molitor, bekannt waren. Siehe
BENZ, Ernst; Schelling; Werden und Wirken seines Denkens, Zürich 1955
BENZ, Ernst; Schellings theologische Geistesahnen. In: Akademie des Wissens und der Literatur 1955 No 3
SCHNEIDER, Robert Schellings und Hegels schwäbische Geistesahnen. Würzburg 1938
64   STEINER, Rudolf; Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914 (GA 264) Dornach 1984
65   Zum Alter des Misraim-Ritus beruft sich Wiesberger auf eine Schrift von 1861: "Auch der Freimaurer Joseph Schauberg weist in seinem Hauptwerk "Vergleichendes Handbuch der Symbolik der Freimaurerei mit besonderer Rücksicht auf die Mythologien und Mysterien des Altertums, Schaffhausen 1861" in Band II die kulturgeschichtliche Richtigkeit vom ägyptischen Ursprung der maurerischen Symbolik nach". In: GA 265/ herausgegeben von Hella Wiesberger (1)1987
66   STEINER, Rudolf; Mein Lebensgang, (1)TB Dornach 1983 (GA 28) S. 335
67   R .Steiner, Mein Lebensgang, TB. S. 338f. Siehe auch
Frick, Karl; "Die Erleuchteten ..." Bd II, 2, S.354
68   Steiner, "Mein Lebensgang" TB S. 338,
Frick, Karl; "Die Erleuchteten ..." Bd II, 2, S.311-314, S. 472 und 523-528.
69   So zB.ist die Verwendung des Wortes in den Moseserzählungen und in der Josef- Legende.
70   Interessant hierzu die Schilderungen vom Auftreten Cagliostros in Deutschland. Hierzu:
Charlotta Elisabeth Konstantia von der Recke; Nachricht von des berüchtigten Cagliostro Aufenthalte in Mitau im Jahre 1779 und von dessen dortigen magischen Operationen. Berlin 1787.
Der Misraim- und Memphis- Ritus:
"Seine Konstitution führte der italienische Misraim- Ritus auf den 10. Dezember 1747 zurück. Diese sei dann im Jahr 1805 modifiziert worden. Während das Jahr 1805 als Gründungsjahr unter der französischen Besatzung Italiens möglich ist, muss 1747 für die Gründung der "Ägyptischen Maurerei" als phantastischer Zeitpunkt abgelehnt werden. Vor dem Wirken Cagliostros in Italien und im übrigen Europa seit den siebziger Jahren des 18.Jahrhunderts ist von einer Form der "Ägyptischen Maurerei" nichts bekannt geworden."
"Die beiden Patente wurden Yarker von Pessina erteilt, nachdem man sich am 2.September 1881 in einem Vertrag auf ein gemeinsames Oberhaupt des Memphis- und Misraim- Ritus für die Jurisdiktionen Italien, Großbritannien und Irland, USA und Rumänien geeinigt hatte".
Nämlich: Yarker für Großbritannien und Irland, Mott für USA, Pessina für Italien.
Quelle: Kneph, II.Jahrgang S.104
FRICK, Karl R.H.; Die Erleuchteten. Gnostisch- theosophische und alchemistisch - rosenkreuzerische Geheimgesellschaften im 19. und 20.Jahrhundert Band II,2 Graz 1973 S 135 und S 206
71   Shuré, Edouard, Rudolf Steiner - autobiographische Skizze, geschrieben am 9.9.1907 sogenannte "Barr- Papiere". In: Nachrichten der Rudolf- Steiner- Nachlassverwaltung Nr. 13. Dornach 1965
72   ANDREAE, Johann Valentin; Fama Fraternitatis. Kassel 1614
Internetfassung:
Fama Fraternitatis
ANDREAE, Johann Valentin; Chymische Hochzeit. Straßburg 1616
73   Der Mythos spricht im Bild davon "POST CXX. ANNOS PATEBO." " Hier ist er (der Meister) von den Seinen für 120 Jahre den Augen der Welt entzogen worden." http://www.levity.com/alchemy/fama_g.html
74   Die Rose ist im Sohar ein Symbol für das mystische Israel.
75   PICO DE MIRANDOLA; Conclusiones sive Theses DCCC Romae anno 1486
76   FINKE, Manfred; Christian Augusts Bücherwelt
COUDERT, Allison; The Impact of the Kabbalah in the Seventeenth Century.
The Life and Thought of Francis Mercury van Helmont (1614-1698) Leiden- Boston - Köln 1999
77   Die 120-er Jahresreihe ermöglicht in der Tat erstaunliche Zahlenspiele:
nach 1230 :Kabbalistische Bewegung in Katalanien
nach 1350 : setzt der Mythos das Auftreten von "Christian Rosenkreuz" an
1486: Pico de la Mirandolas Programm erscheint, Reuchlin und andere veröffentlichen.
1616: Die "Fama" des Valentin Andreae
1747: Auf dieses fiktive Datum datierte sich die Memphis- Freimaurerei zurück . Auf dieses Datum berief sich auch Cagliostro
78   Blavatskys Behauptung, selbst in Tibet gewesen zu sein, gehört Reich der frommen theosophischen Fabeln.
79   "Yarker, der sich sein Leben lang für alle möglichen und unmöglichen Hochgradsysteme und Geheimgesellschaften interessiert hat und im Laufe seiner weiteren maurerischen Entwicklung zahlreiche Mitgliedschaften und Ehrentitel erwarb, wurde anlässlich seiner Amerikareise im Jahr 1871 auch Mitglied des in New York ansässigen Ancient and Accepted Scottish Rite of Masonry (Cerneau - Ritus). Um den Ritus in Großbritannien verbreiten zu können, erhilet er von dem umstrittenen amerikanischen Grand Master General Harry J.Seymour unter dem 23.Februar 1872 bei dessen Besuch in England ein Patent. Neben dem Patent zur Installation des Cerneau - Ritus erhielt er auch von Seymour ein Patent unter dem 3.Juni 1872 zur Verbreitung des "Alten und Primitiven Ritus der Maurerei" und der "Disciples of Memphis", das Yarker zur Gründung eines Sovereign Sanctuary in Great Britain berechtigte. Nach der Einrichtung des Supreme Grand Council am 8.Oktober 1872 nannte sich Yarker nunmehr Most Puissant Sovereign Grand Inspector Gereral of the Ancient and Accepted Scottish Rite of Masonry for Great Britain and Ireland. Beide Riten wurden zusammen mit den Vollmachten zur Bearbeitung des Misraim- Ritus in den USA, einzeln oder geschlossen, von Seymour und anderen Maurern an Interessenten verkauft und damit zu einem merkantilen Handelsobjekt. Überhaupt muss man sich gerade bei der Erteilung von Hochgraden dieser Systeme allgemein von der Vorstellung lösen, mit der Gradeinteilung sei nur das Verdienst eines innerlich überzeugt suchenden Menschen oder Initianden belohnt worden, nachdem seine Aufgaben und Prüfungen für den angestrebten Grad erfüllt waren. Häufig war die 'Beförderung' in höhere Grade lediglich von der Größe des Geldbeutels des betreffenden 'Bruders' abhängig."
Zitiert nach FRICK, Karl R.H.; Die Erleuchteten. Gnostisch- theosophische und alchemistisch - rosenkreuzerische Geheimgesellschaften bis zum Ende des 18.Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte der Neuzeit Band II Graz 1973 S 203)
80   Auf diesen Sachverhalt wurde schon an anderer Stelle eingegangen.
81   Mehr dazu bei: FRICK, Karl R.H.; Die Erleuchteten. Gnostisch- theosophische und alchemistisch - rosenkreuzerische Geheimgesellschaften im 19. und 20.Jahrhundert Band II,2 Graz 1973 S 207
Die Yarker- "Freimaurerei" nannte sich zwar Freimaurerei, sie ist es im strengen Sinn des Wortes aber nie gewesen. Denn dazu fehlte ihr die Anerkennung durch schon bestehende Freimaurergesellschaften. Die Yarker- Freimaurerei war durch den Sammeleifer eines Einzelnen konstruiert worden. Sie war nicht durch traditionelle Logen anerkannt worden; solche Systeme nennt man deshalb auch "irreguläre" Freimaurerei.
82   "Wer war Reuß? Ein vielseitiger okkulter Titelhändler, eine Persönlichkeit von zweifelhaftem Ruf. Durch ihn erhielt Rudolf Steiner 1906 ein Patent, wodurch er die mit der Theosophischen Gesellschaft seit 1875 verbundene Ritualform des Memphis- Misraim- Ordens auch in der deutschen Sektion, deren Generalsekretär er war, einführte. Diese Tätigkeit bestand tatsächlich, wurde aber 1914 mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges eingestellt."(S. 2) Leber, Stefan; Schwarzmagisches Sektierertum und geistige Verführung. Neue Versuche, Anthroposophie und Waldorfschulen zu diskreditieren. (Eine Studie) Sonder-Beilage der Wochenschrift 'Das Goetheanum' Nr. 44 vom 2.Februar 1997
83   GA 262 Brief vom 30.November 1905 S. 81 Anlage 7-Dokument 7 
84   Brief von A.W.Sellin an Rudolf Steiner. In:
STEINER, Rudolf; Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904 - 1914. (GA 265) Dornach 1987 Seite 72 ff
85  Zu lesen unter folgendem Link: Mm_Ritual.html
"Steiner wird am 24. November 1905 Mitglied im Memphis-Mizraim-Ritus, anschließend kommt es am 3. Januar 1906 zu einem Vertragsabschluß. (...) Steiner wird, wie sich aus dem Vertrag ergibt, nicht Mitglied des O.T.O, kann aber Mitglieder in die Reußschen Organisationen aufnehmen, wie aus dem Patent zu entnehmen ist." (S.14) Im Jahr 1907 kann Steiners Organisation 100 Mitglieder nachweisen. Er wird damit von Reuß unabhängig: "Reuß verlautbart lediglich die Höhergraduierung, ohne den zugrundeliegenden Zusammenhang offenzulegen, er bekennt Steiner für den neuen Führungsgrad am 15. Juni 1907."(S. 15)(Dokument 12) "Die Zahl der Mitglieder in der entsprechenden Einrichtung betrug bis 1914 gegen 800, während die Reußschen Einrichtungen nach 1912 keine 600 betragen haben dürften." (S.15)(Schmidt-Brabant et al. 1988 in: Die Drei Nr. 4 S.292) "1914, beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges, zerreißt Steiner das Dokument und bricht mit dieser Überlieferung völlig." (S.15) Links zum O.T.O findet man über die Internetseite von P.Koenig:
P.R. Koenig Materialien zum O.T.O.
Der Kleine Theodor Reuss Reader
Theodor Reuss' Ordo Templi Orientis rituals
Memphis Misraim
Ordo Templi Orientis Templars, Illuminati + the Fraternitas Saturni
Theodor Reuss - Charter 1902 - Reuss' version
Theodor Reuss - Edikt 1907 (1906)
Theodor Reuss - Charter 1905
Theodor Reuss - Charter 1904
Das O.T.O.-Phaenomen - summary
Ordo Templi Orientis rituals and Sexmagick
86   Leber wies nach, dass Steiner mit dem O.T.O nichts zu tun hatte: "Nun erhielt Crowley 1912 von einem Deutschen, Theodor Reuß, die Mitgliedschaft in einem Orden, dem O.T.O, der erst durch Crowley einen berüchtigten Ruf erhielt." (S. 2) "Wer war Reuß? Ein vielseitiger okkulter Titelhändler, eine Persönlichkeit von zweifelhaftem Ruf. Durch ihn erhielt Rudolf Steiner 1906 ein Patent, wodurch er die mit der Theosophischen Gesellschaft seit 1875 verbundene Ritualform des Memphis- Misraim- Ordens auch in der deutschen Sektion, deren Generalsekretär er war, einführte. Diese Tätigkeit bestand tatsächlich, wurde aber 1914 mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges eingestellt."(S. 2) Leber, Stefan; Schwarzmagisches Sektierertum und geistige Verführung. Neue Versuche, Anthroposophie und Waldorfschulen zu diskreditieren. (Eine Studie) Sonder-Beilage der Wochenschrift 'Das Goetheanum' Nr. 44 vom 2.Februar 1997
Sonder-Beilage vom 2. Februar 1997
87   Hella Wiesberger hat diese Texte für den Rudolf- Steiner- Verlag Dornach herausgegeben und mit einem deutenden Kommentar versehen. (GA 264 und GA 265)
88   Steiner, Rudolf; Mein Lebensgang (GA 258). Eine nicht vollendete Autobiographie mit einem Nachwort herausgegeben von Marie Steiner, Dornach 1925. Kapitel XXXVI
89   Steiner, Rudolf;Mein Lebensgang (= GA 258). Eine nicht vollendete Autobiographie mit einem Nachwort herausgegeben von Marie Steiner, Dornach 1925. Kapitel XXXVI, TB. S. 291
90   Die naiv- unkritische Haltung Steiners zeigen zB. Solche Äußerungen wie:
"General-Großmeister jenes Ordens war ein gewisser Theodor Reuß. Was dieser nun sonst getan hat, gehört nicht in die Diskussion. Es mag, was immer, sein. In Anbetracht kam nur die
Tatsache, dass er General- Großmeister jenes Ordens war, der vorgab, in der angegebenen Richtung zu wirken. Mit dieser Tatsache hatte ich mich auseinanderzusetzen. Ich musste zu diesem Zwecke den genannten Theodor Reuß aufsuchen, den ich vorher nie gesehen hatte, über dessen Verhältnisse nie etwas auf irgendeinem Wege [zu mir] gedrungen war. Es wäre natürlich für mich ein leichtes gewesen, mich über die Verhältnisse zu informieren. Aber sie gingen mich absolut nichts an." Steiner/ Wiesberger (GA 265) S. 68
91   "Dieses Ritual ist kein anderes als dasjenige, welches der Okkultismus seit 2300 Jahren (sic!) anerkennt, und das von den Meistern der Rosenkreuzer für europäische Verhältnisse zubereitet worden ist. Wenn in diesem Ritual sich etwas findet, was in die drei Johannesgrade herübergekommen ist, so beweist das nur, dass diese Johannesgrade etwas aus dem Okkultismus aufgenommen haben. Meine Quelle sind nur der Okkultismus und die 'Meister'." Steiner/ Wiesberger (GA 265; S. 69)
"Meine Quelle sind nur ..." ist wohl so zu verstehen:
1.) der Okkultismus:= die Ritualtexte, die der Okkultismus zur Mizraim- und Memphisfreimaurerei lieferte :
Bernhard Beyer; Das Freimaurer- Museum. Archiv für freimaurerische Ritualkunde und Geschichtsforschung. In zwangloser Folge herausgegeben vom Geschichtlichen Engbund des Bayrischen Freimaurer- Museums Verlag Bernhard Sporn Zeulenroda/Leipzig 1932
2.) die Meister:= die in der E.S. Verwendeten "Meisterworte", welche schon von Blavatsky verwendet wurden:
BLAVATSKY, Helena Petrowna; The Inner Group Teachings to her pupils (1890-91) Hrsg. H.J.Spierenburg. San Diego, 1985
92   Reuß: Mitglieder seiner Gruppierung hatten in einem Hotel in München "tantrische Übungen" praktiziert und damit andere Mitglieder der Freimaurerei dermaßen schockiert, dass sie Hilfe in der Öffentlichkeit suchten. Und dann bildete Reuß auch noch einen weiteren Orden, in den er die bestehende Memphis- und Mizraim- Freimaurerei nach 1906 zu integrieren gedachte: den von ihm und Carl Kellner erfundenen "Ordo Templi Orientis" (=O.T.O.). Nachdem 1912 Aleister Crowley von Reuß in den O.T.O. aufgenommen worden war, wurde der Skandal perfekt. Denn Crowley war das Enfant Terrible des Okkultismus. Worüber man sonst nur tuschelte in okkultistischen Kreisen und was für die Praxis als Tabu galt, damit experimentierte Crowley: mit Yoga, Tantra, Orakelanweisungen, mit mystischen Anrufungen, mittelalterlichen Zaubertexten, mit Satanismus und Rauschgiften.
Zum Reuß- Skandal kann man sich informieren bei Möller/Howe S.93
93   Leber: "1912 tritt Crowley außerdem dem O.T.O bei, dem verschiedene Bezeichnungen tragenden Tempelorden, in den er durch einen später genauer zu betrachtenden Deutschen, Theodor Reuß, aufgenommen und graduiert wird. Am 12.April 1912 wird er in Berlin zum Großmeister des O.T.O für Großbritannien, nicht aber für die USA, wie es nahegelegen hätte." Crowley passte "die Rituale des O.T.O an thelemistische Formeln und thelemistisches Gedankengut an" (S. 7/8) - was zu Auseinandersetzungen mit Reuß führte. "Der O.T.O., der mithin nach 1912 unter Crowleys Einfluss kam, hat mit dem vorhergehenden zwar den Namen gemein, aber die Inhalte unterscheiden sich voneinander grundlegend; dasselbe Wort weist auf verschiedene, nicht vergleichbare Tatbestände." (S. 8) In: Leber, Stefan; Schwarzmagisches Sektierertum und geistige Verführung. Neue Versuche, Anthroposophie und Waldorfschulen zu diskreditieren. (Eine Studie) Sonder-Beilage der Wochenschrift 'Das Goetheanum' Nr. 44 vom 2.Februar 1997
94und geistige Verführung. Neue Versuche, Anthroposophie und Waldorfschulen zu    Leber, Stefan; Schwarzmagisches Sektierertum diskreditieren. (Eine Studie) Sonder- Beilage der Wochenschrift 'Das Goetheanum' Nr. 44 vom 2.Februar 1997
95   MÖLLER, Helmut und HOWE, Ellic; Merlin Peregrinus. Vom Untergrund des Abendlandes. Würzburg 1986
96   R.Koenig veröffentlicht im Internet.
97   FRICK, Karl R.H.; Die Erleuchteten. Gnostisch- theosophische und alchemistisch - rosenkreuzerische Geheimgesellschaften bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte der Neuzeit Band I und II Graz 1973
98   STEINER, Rudolf; Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914 (GA 264) Dornach 1987
STEINER, Rudolf; Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904 - 1914. (GA 265) Dornach 1987
99   Dies zeigt ein Vergleich zwischen den von Steiner vorgelegten Inhalten und der Quelle, welche Steiner bearbeitet hat, recht deutlich:
STEINER, Rudolf; Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904 - 1914. (GA 265) Dornach 1987 Seite 153 - 201 und:
Beyer, Bernhard; Rituale des Misraim- Ritus. In: Das Freimaurer- Museum. Archiv für freimaurerische Rituale und Geschichtsforschung. Zeulenroda / Leipzig 1932 Bd VII
100   Steiner, Rudolf GA 264 S. 181
101    Bernhard Beyer veröffentlichte aus dem Archiv des Bayreuther Freimaurermuseums folgenden Text, den er einer Loge zuordnet, die zwischen 177756- 1768 bestanden haben soll:
"Ich, N.N., schwöre und gelobe und verspreche vor dem Dreyeinigen Gott, allen Himmeln und Geistern, dieser Hochwürdigen Versammlung, alles das, was mir in diesem ... Grad unseres Gott geheiligten Ordens der Goldenen Rosen Kreuzer gesagt, gezeigt und entdeckt worden wird, außer dieser Classe und meinem Obern, keinem Menschen das mindeste davon zu offenbaren, schwöre, gelobe und verspreche auch, dass ich alle unsere Ordens- Geheimnisse durch Marter und Todt nicht von mir erpressen lassen, dass ich die göttliche Weisheit höher als irdische Schätze halten, auch die Reichtümer der Welt missbrauchen, sondern zur Ehre Gottes und meiner Seelen- Heyl verwenden wolle, und letztlich schwöre, gelobe und verspreche ich, dies, mein heilig gethanes Bündniß unverbrüchlich zu halten, die Verbrüderungs- Gesäze zu erfüllen, Gott und dem Orden aber bei Verlust meiner zeitlichen und ewigen Wohlfahrt, biß an mein Ende getreu zu verbleiben. So wahr mir Gott helffe und sein heiliges Wort. Amen! Amen! Amen!"
In: Beyer, Bernhard: Das Lehrsystem des Ordens der Gold- und Rosenkreuzer. Nachdruck der im Pansophie- Verlag Leipzig/ Berlin 1925 herausgegebenen Schrift durch die Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen 1978, Augsburg.
102   Riten des Memphis- und Miszraimordens der Steinerschen Provenienz wurden, laut Hella Wiesberger, nach Steiners Tod hie und da noch vereinzelt abgehalten. Es soll sogar noch bis in die achziger Jahre des 20.Jahrhunderts eine, allerdings von der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft geächtete, "Johannesloge" (Wilke) in Hamburg gegeben haben, welche Riten durchgeführt hat.
103   STEINER, Rudolf; Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung, Berlin 1904.
STEINER, Rudolf; Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? Berlin 1904/05 (GA 10) und
STEINER, Rudolf; Geheimwissenschaft im Umriß, Leipzig 1910


zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2004
Verantwortlich für diese Textseite:
© Erik Dilloo-Heidger , Rottweil
Rückfragen, Kritik und Kontakt: dilloo