Von den neuzeitlichen Wurzeln der Esoterik:
Kabbala, Okkultismus, Theosophie

Inhalt:


Zum Begriff "Esoterik"

Esoterik ist eine Bewegung, die im 19.Jahrhundert entstanden ist. Sie greift neuplatonische, astrologische, alchemistische, theosophische und kabbalistische Elemente auf, die seit der Renaissance in europäisches Denken Einlass gefunden haben. Neuerdings kommen auch immer mehr Inhalte aus dem indischen Kulturkreis hinzu.

Der Begriff "Esoterik" taucht 1828 zum ersten Mal auf.1 Es ist vor allem der französische Okkultist Eliphas Lévi, der mit Überzeugung und mit beeindruckender Ausstrahlung die esoterische Bewegung voranbringt. Er bezeichnet als "esoterisch" eine von ihm vermutete kulturgeschichtliche Strömung, ein inneres Wissen oder gar eine Geheimlehre, die nach seiner Auffassung untergründig das Abendland seit ältesten Zeiten beeinflusst haben soll2. Im Gegensatz dazu nennt er "exoterisch" alles, was an Inhalten durch die sichtbaren religiösen und kulturellen Institutionen vertreten wird.

Drei Persönlichkeiten, welche die Inhalte der esoterischen Bewegung wesentlich gestaltet haben, sollen hier exemplarisch vorgestellt werden: Eliphas Lévi (1810 - 1875), der den Begriff "Esoterik" nach 1850 in Umlauf bringt und inhaltlich besetzt. Dann Helena Petrowna Blavatsky (1831 - 1891), die Versatzstücke aus dem indischen Veda und den Upanishaden in das esoterische Denken einführt. Und schließlich Aleister Crowley (1875 - 1947), der ohne religiöse und ethische Tabus die bisher nur angedachten magischen, okkultistischen und tantrischen Vorstellungen in die Praxis umsetzt.

Die Altertums- und Religionswissenschaft des 20.Jahrhunderts ist den Fragestellungen nachgegangen, welche durch die Esoterik aufgeworfen wurden. Eine durchgehende, untergründige Strömung, wie sie von den Esoterikern behauptet wird, konnte nicht nachgewiesen werden. Nichtsdestotrotz hält die Esoterik bis in unsere Zeit immer noch an dieser Ansicht fest. Die Esoteriker bleiben mit ihrem Denken in ihrem eigenen Kanon verhaftet und nehmen nicht wahr, was die neuere Forschung zu ihren Fragen sagen kann.3

Der Sprachgebrauch des Wortes "Esoterik" deckt heute ein sehr weites Feld ab. Die ursprüngliche Wortbedeutung wurde gleichsam aufgebläht. Eine Suchmaschine des Internets ergab im Januar 2006 über zwei Millionen Bezüge dieses Begriffes. Auszugsweise habe ich folgende notiert:

Lebensberatung - Kartenlegen - Astrologie - Reinkarnation - Tarot - Esotera Chat - Veda - Edelsteine - Räucherkelche - Chakras - Sternzeichen - Biorhythmus - Mondphasen - Magical Resort - Wunschrituale - Schamanische Krafttiere - Satanismus - Tantra / Sexualität / Partnerschaft - Jenseitsbotschaften - Okkultismus - Geistiges Heilen - Magie - Geister - Ufos - PSI - "Esoterikonlineshop" - "Deutschlands Esoterik Hotline" (für 1,86 € pro Minute) und vieles andere mehr.

Das Ergebnis ist außerordentlich verwirrend. - Manches hat den Anschein von Geschäftemacherei. Aber auch ernsthafte Fragen und religiöse Bedürfnisse sind mit diesen Schlagworten angesprochen.

 

Der religiöse Umbruch im 19.Jahrhundert.

Zur Zeit Napoleons kann man eine große Begeisterung für Ägypten verzeichnen. Die Sammlungen des Louvre, aber auch die des British Museum zeigen das eindrucksvoll. Napoleon besucht Ägypten 1798 mit einem Heer von Soldaten und 170 Wissenschaftlern. Die Phantasie ist von den Ergebnissen dieser Expedition außerordentlich angesprochen. Sie eilt nun der Wissenschaft voraus. Denn erst nach 1822 gelingt ja bekanntlich die Entschlüsselung der Hieroglyphen durch Jean-François Champollion. Und es braucht lange, bis man die einzelnen ans Licht gebrachten Funde sinnvoll einordnen kann. Die nur langsam entstehende Altertumswissenschaft kann selten die Vorentwürfe bestätigen, welche man sich von Ägypten gemacht hatte.

Die Esoterik beginnt nicht mit Ergebnissen der Altertumswissenschaft, sondern führt die Ideen weiter, welche man sich zuvor zu diesen Fragen gemacht hatte. Beispielhaft zeigt dies die Gründung der freimaurerischen Mizraim- Loge 1789/ 1805, welche in ihren Riten eine "ägyptische Einweihung" nachempfinden will4. Ihre Inhalte richten sich nach dem, was griechische Schriftsteller über das damals schon sagenhafte Ägypten zu berichten wussten. Die barocken Riten im Zusammenhang der Mizraimfreimaurerei greifen alchemistische Vorstellungen und Legenden über den Ursprung der Freimaurerei auf. Sie werden bis ins zwanzigste Jahrhundert praktiziert.

Das neunzehnte Jahrhundert ist - religionsgeschichtlich gesehen - ein sehr interessanter Zeitabschnitt. Es tauchen Texte aus alten Kulturen auf, welche das seit dem Mittelalter gebildete religionsgeschichtliche Panorama entwerten. Hier einige Daten:

1802 - Grotefend entziffert die ersten Schriftzeichen aus assyrischen Keilschriften.
1805 - erste Übersetzungen der Veden aus dem Sanskrit.
1822 - Champollion löst das Rätsel der ägyptischen Hieroglyphen.
1879 - Das Sammelwerk "Sacred Texts" (Max Müller / Paul Deußen) veröffentlicht aus dem indischen (Veden, Upanishaden, tantrische Schriften), chinesischen und jüdischen Kulturraum in englischer Übersetzung.

Wie reagiert die offizielle Theologie darauf?

Zunächst ergibt sich eine Fülle an bibeltheologischen Fragen. Dogmen- und religionsgeschichtliche Probleme bedrängen das kirchliche Lehramt. Hinzu kommt eine durch die Aufklärung veränderte Bewusstseinslage. Die Antwort ist zunächst der Syllabus (1864) mit seiner Verurteilung von achzig als häretisch bezeichneten Auffassungen. Er soll als Schutzdamm die Säkularisierung aufhalten. Dann folgt das Erste Vatikanische Konzil von 1869/70 und das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit (1870). Das christliche Selbstverständnis soll nicht durch die Beliebigkeit der vielen religionsgeschichtlichen Entwürfe erschüttert werden, die nun in überhasteter Folge unterbreitet werden. In diesem Sinne wird auch der Antimodernisteneid (1910) und der römische "Index"gehandhabt. Diese Instrumente werden bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1965/68) gehandhabt.

Die katholische Theologie kapselt sich gewissermaßen hundert Jahre lang ab. Die evangelische bemüht sich um die "Leben Jesu Forschung" und um neue philologische Methoden. Sie ist dermaßen mit sich selbst beschäftigt, dass sie keine Reserven für die Fragen hat, welche sich außerhalb ihres Gesichtskreises stellen. Der theologische Nachholbedarf bleibt immens. In dem so entstandenen "theologiefreien Raum" entwickelt sich die esoterische Bewegung.

Eliphas Lévi - Beginn der Esoterik

Eliphas Lévi

Mit Alphonse Louis Constant (alias Eliphas Lévi) entsteht die esoterische bzw. okkultistische Bewegung. Bis gegen 1930 werden beide Begriffe kaum voneinander unterschieden. Die magischen Praktiken von Aleister Crowley allerdings bewirken, dass sich die Esoteriker von ihm absetzen. "Okkultistisch" heißt fortan das, was von Crowley betrieben wird. Die esoterische Bewegung will damit nichts zu tun haben.

Was Eliphas Lévi antreibt, ist die Frage nach dem biblischen Wunder. Deshalb beschäftigt er sich mit "Magie"5. Seit dem Mittelalter wurde die Göttlichkeit Jesu ja mit den Wunder begründet, welche die Evangelien von ihm berichten. Doch die neuzeitliche Naturwissenschaft lehnt die mittelalterliche Wunderauffassung ab. Lévi sucht deshalb neue Erklärungsmöglichkeiten für das Wunder. Er findet sie in der "Magie". Lévi beschäftigt sich darum mit jüdischen Gebetsritualen und mit der Zauberliteratur des ausgehenden Mittelalters, besonders mit Agrippa von Nettesheim6.

Guillaume Postels Übersetzungen aus der jüdischen Kabbala7 und die Sammlung des Knorr von Rosenroth bilden seit Lévi eine wesentliche Quelle für die esoterischen Schriftsteller. Eliphas Lévi wird schon als Schüler an das Kleine Seminar empfohlen, weil seine Begabung dem Pfarrer auffällt. Er kommt aus armem Milieu. Nach seinem Theologiestudium erhält er die niederen Weihen und scheidet dann aus dem kirchlichen Dienst aus. Später heiratet er und lebt von kleinen Aufträgen als Kirchenmaler und als Schriftsteller. Der Name "Eliphas Lévi" ist zugleich Pseudonym und Programm. "Eliphas" erinnert an den Propheten Elias, der mit seinem Wagen bis in die höchsten Himmel gelangt, und Lévi möchte assoziieren lassen, er gehöre zu dem israelitischen Priesterstamm der Leviten. Neben diesem anspruchsvollen Pseudonym legt sich Alphonse Louis Constant auch noch den selbsterfundenen Titel eines "Doktors der Hohen Magie" zu und lässt sich "Abbé" nennen. Man würde jetzt wohl einen religiösen Hochstapler vermuten. Aber trotz allem Showgehabe bleibt Alphonse- Louis Constant zeitlebens ein "einfältiger, französisch- fromm- katholischer" Schriftsteller: Als Rom die Unvereinbarkeit von Freimaurerei und Kirche betont, verlässt Lévi sofort die Logenzusammenhänge. Er preist zeitlebens emphatisch die Überlegenheit der kirchlichen Dogmen.

Heute interessieren Lévis okkultistische Schriften nicht mehr, seine Erklärungen des Wunders durch Magie sind hinfällig geworden. Wohl aber haben Lévis Ausführungen zur Magie Auswirkungen auf Aleister Crowley, dessen Praxis allerdings Lévis ursprüngliche Intention pervertieren. Woran die esoterische Bewegung seit Lévi festhält, ist das kulturgeschichtliche Panorama, das Eliphas Lévi in Anlehnung an Ideen der Renaissance entwirft: Er deutet die jüdische Kabbala als "Tradition bis hin zu Moses"8. Auch Jesus sieht Eliphas Lévi in dieser Tradition, die, den Jüngern übermittelt, dann aber der Öffentlichkeit verloren gegangen sei. Die Konfessionen lehrten nur noch ein äußeres (exoterisches) Christentum, dem der eigentliche (esoterische) Kern fehle. Das Innere der Religion sei aber den wahren "Eingeweihten" immer zugänglich geblieben. Lévi schreibt seinem Schüler und Mäzen Spedalieri "Einweihungsbriefe", um ihn in jenes angeblich geheime esoterische Wissen einzuführen.

Wenn man diese Briefe liest, muss man enttäuscht feststellen, dass zwar weitläufige Assoziationen zum Schema des kabbalistischen Lebensbaumes und zum hebräischen Alphabeth gegeben werden, aber recht wenig über die Welt der jüdischen Kabbala. Lévi leitet seinen Schüler unter Verwendung von Gebetsformen des 17.Jahrhunderts zur Theurgie an, welche Gott in Gestalt seiner Engel und Hierarchien anruft.

Was bleibt von Eliphas Lévi, das ist sein Geschichtspanorama, das, obwohl unzutreffend, von der esoterischen Bewegung aufgenommen und bis heute beibehalten wird. Vor allem die französischen Okkultisten um Papus, die Theosophen im Zusammenhang mit H.P. Blavatsky und die englischen Neo- Rosenkreuzer und Hermetiker um McGregor Mathers tragen Lévis Gedanken weiter. Die Religionswissenschaft des 20.Jahrhunderts hat nachgewiesen, dass die jüdische Kabbala sich nicht im Altertum, sondern im Mittelalter entwickelt hat9. Das widerspricht der Sicht von Eliphas Lévi. Eine "Tradition von Moses her" ist fiktiv und ohne geschichtliche Grundlage. Doch die esoterische Bewegung transportiert Lévis Lieblingsideen munter weiter. Der Kabbalaspezialist Gershom Scholem gibt deshalb ein vernichtendes Urteil über Lévi und die an ihn anschließende esoterische Bewegung ab:

"Von den oft großartigen Missverständnissen und Verfälschungen des Alphonse Louis Constant, der unter dem Pseudonym Eliphas Lévi berühmt geworden ist, bis zu dem anspruchsvollen Schwindel Aleister Crowleys und seiner Anhänger sind die phantastischsten und extravagantesten Behauptungen aufgestellt worden, die den Anspruch erhoben, legitime Deutungen der Kabbala darzustellen"10.

Der Gerechtigkeit halber muss aber auch angemerkt werden, dass die Kabbala selbst Anlass zu historischen Fehldeutungen in großem Ausmaß gab. Schließlich ordneten diese Schriften sich doch selbst in unberechtigter Weise ein hohes Alter zu.

In der esoterischen Bewegung wird darauf abgehoben, es handele sich bei der Kabbala um eine "Geheimlehre". In gewisser Weise mag das sogar stimmen, nämlich für den Zeitraum bis zur Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492. Es ist anzunehmen, dass die kabbalistischen Spekulationen anfänglich nur in engen Zirkeln betrieben wurden, denn ihre mystische Welt widerspricht grundsätzlich dem Bilderverbot der Thora (Dtn 5,8). Wollten die Kabbalisten Mitglieder der jüdischen Gemeinde bleiben, so mussten sie ihre religiösen Vorstellungen für sich behalten. Sonst hätten sie es riskiert, als Häretiker von der Gemeinde ausgestoßen zu werden.

Dies änderte sich, als durch die Vertreibung der Juden aus Spanien die soziale Struktur der jüdischen Gemeinden zerbrach. Nun traten die Kabbalisten an die Öffentlichkeit und ihre Ideen verbreiteten sich vor allem im polnischen Judentum, aber auch in Italien, in den Niederlanden und in Palästina. Dort wurden die kabbalistischen Grundanschauungen der Kabbala weiter entfaltet11. In dieser Zeit wird auch die kabbalistische Mystik von christlichen Theologen wahrgenommen12. Um nur einige zu nennen: Pico di Mirandola, Marsilio Ficino, Johannes Reuchlin, Guillaume Postel, Knorr von Rosenroth, Robert Fludd und John Dee. Ein gewisser Abglanz davon erreicht sogar noch Jakob Boehme.

Im 16. und 17.Jahrhundert genießt die Kabbala ein hohes Ansehen neben der religiösen Orthodoxie. Gershom Scholem betont:

"Der Einfluss der lurianischen Kabbala, die etwa von 1625 an so etwas wie die wahre theologia mystica des Judentums wurde, kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden."13

Die offizielle jüdische Theologie lehnt aber die Bilderwelt der Kabbala ab. Martin Buber drückt den Zwiespalt aus, der in dieser Ablehnung liegt:

"So sind die Schriften wie der Sohar ... ein Entzücken und ein Abscheu (...). Mitten unter rohen Anthropomorphismen, die durch die allegorische Ausdeutung nicht erträglicher werden, mitten unter öden und farblosen Spekulationen, die in einer verdunkelten, gespreizten Sprache daherstelzen, leuchten wieder und wieder Blicke der verschwiegenen Seelentiefen auf."14

Vor allem die Charismatiker Sabbatai Zwi (1626-1676) und Jacob Frank (1726-1791) bringen die Kabbala in Verruf. Sie treten erst als Pseudomessias auf, veranlassen mit ihren kabbalistischen Predigten eine Sammlungsbewegung, fallen kurze Zeit später aber vom jüdischen Glauben ab und wenden sich dem Isalm bzw. dem Katholizismus zu. Ein Skandal, der die ganze Diaspora erschüttert und die Kabbala in Misskredit bringt. Der Chassidismus, dessen angesehenster Vertreter im deutschen Sprachraum Martin Buber ist, versucht, die Häresie der Kabbala aufzulösen und zu verwandeln.

Die Kenntnis der Kabbala bleibt in der esoterischen Bewegung recht oberflächlich. Sie beschränkt sich auf das zentrale Motiv des "Lebensbaumes" mit den zehn Sephiroth. Seit Eliphas Lévi wird diese Idee im esoterischen Tarot abgebildet. Die Reinkarnationslehre der lurianischen Kabbala und die Vorstellung von mehreren Welten, die stufenweise aus Gott hervorgehen, werden in Blavatskys frühen Schriften und in Steiners Anthroposophie aufgegriffen. Neuerdings bekommen in England und in den USA die sogenannten Kabbala- Centers einen regen Zulauf in Künstlerkreisen. Kritiker beurteilen diese Bewegung allerdings als amerikanische Sekte ohne authentische Glaubenstradition15.

Nachfolgende Bewegungen: französischer Okkultismus - englische Rosenkreuzerei - Golden Dawn

Was mit Eliphas Lévi begonnen hat, wird in vielfältiger Weise fortgeführt. In Frankreich trägt der Arzt Gérard Encausse (alias Papus) eine umfangreiche okkultistische Bibliothek zusammen. In seinem privat geführten Institut in Paris lehrt er Astrologie, Hermetik und Kabbala. Er gründet 1891 einen Martinistenorden, in den der russische Zar Nikolaus II. aufgenommen wird. Seine Schrift "Die Kabbala" gibt mit seiner umfangreichen Bibliografie gute Auskunft über die Inhalte, welche der französische Okkultismus gegen Ende des 19.Jahrhunderts pflegt16.

Im Jahr 1854 besucht Eliphas Lévi England, wo er den Schriftsteller Edward Bulwer-Lytton und Kenneth R.H. Mackenzie, den Verfasser einer Freimaurerenzyklopädie, kennen lernt. Mit Robert W.Little gründet Mackenzie 1867 die "Societas Rosicruciana in Anglia". Lévi wie auch Bulwer - Lytton werden Mitglieder. Auf die Anregung von Eliphas Lévi werden Hermetik, Alchemie und Kabbala zum Thema der mystische Freimaurerei. In den unteren Graden lehren diese Orden philosophische und hermetische Ziele, die obersten Grade sind der Kabbala gewidmet - besser gesagt: dem wenigen, was man damals davon in Erfahrung gebracht hatte. Die nach 1905 entstehenden neo- rosenkreuzerischen Bewegungen17 beinhalten unterschiedliche Varianten dieser Inhalte. Der in Künstlerkreisen damals populäre englische Orden des Golden Dawn18 entwickelt darüber hinaus Rituale, welche magisch- symbolisch ausgerichtet sind. In esoterischen Kreisen wird heute vor allem das vom Golden Dawn ausgestaltete Tarot beachtet, das auf Anregung von Eliphas Lévi entfaltet wurde19.

Paradigmenwechsel: indische Elemente in der Esoterik

Blavatsky


H.P.Blavatsky

Die indischen Elemente, die man heute in der esoterischen Bewegung vorfindet, werden durch Helena Petrowna Blavatsky (1831 - 1891) in die Theosophie eingeführt. Blavatsky wächst in der Ukraine auf. Ihr Vater ist deutscher Offizier in russischen Diensten, ihre Mutter entstammt alt- eingesessenem russischem Adel. Sie betätigt sich als Romanautorin. Helena Blavatsky erlebt schon als Jugendliche spiritistische Seancen zu Hause. In der Hausbibliothek erhält ihr Forschergeist vielfältige Anregung durch okkultistische Literatur. In jungen Jahren bereist Blavatsky die halbe Welt. Dann lässt sie sich kurzfristig in den USA nieder, wo sie sich anfänglich als Medium in der spiritistischen Szene betätigt. Diese hatte sich nach 1840 sprunghaft in den USA und dann auch in England entwickelt. Mit Henry Steel Olcott und William Quan Judge begründet Blavatsky 1875 in New York die Theosophische Gesellschaft. Bald veröffentlichet Blavatsky ihr erstes großes Werk: "Isis Unveiled" (1877).

In dieser Schrift greift sie die Sichtweisen des französischen Okkultismus auf. Ihr Anliegen ist es, eine "Urtradition" zu rekonstruieren. Das Christenum wird von ihr dabei sehr kritisch eingeordnet. Jesus bezeichnet Blavatsky als Magier und Kabbalisten par Excellence, der geheime Lehren des Judentums öffentlich vertreten habe. Deshalb, quasi wegen Mysterienverrat, sei er dann vor dem Synhedrion angeklagt und den Römern zur Kreuzigung überführt worden20. Das Jahr 1880 bringt eine radikale Wende in Blavatskys Leben. In Sri Lanka tritt sie zum Buddhismus über und verlegt den Hauptsitz der Theosophischen Gesellschaft nach Adyar bei Madras. Blavatsky ist in der Zwischenzeit zu der Überzeugung gelangt, in den indischen Religionen noch Reste der "Urtradition" zu finden, welche sie hinter allen Kulturen und Religionen vermutet. Diesen Standpunkt vertritt Blavatsky in ihrem zweiten großen Werk "The Secret Doctrine" (1888). Hier werden nun die kabbalistischen und okkultistischen Inhalte aus ihrem ersten Oevre durch buddhistisch- hinduistische Versatzstücke überlagert.

Nach Blavatskys Tod (1891) setzen sich die indischen Tendenzen in der Theosophischen Gesellschaft durch. Annie Besant und C.W.Leadbeater (1847-1934) führen Yogaelemente ein und ergänzt den theosophischen Kanon durch tantrische Ideen (Chakralehre). Die Rückführungs - Seancen und Reinkarnations - Spekulationen, welche man heute in esoterischen Zusammenhängen finden kann, nehmen mit Leadbeater ihren Anfang. In Deutschland verweigert sich die theosophische Bewegung weitgehend den indischen Glaubenselementen und wendet sich in der Anthroposophie Rudolf Steiners mehr den europäischen Wurzeln der Esoterik zu.

 

Aleister Crowley - Grenzgänger der Esoterik


Aleister Crowley

Aleister Crowley (1875 - 1947) entstammt einer streng religiösen Familie, die sich zur Sekte der "Plymouth Bretheren" zählt. Sein Vater ist wohlhabend, er besitzt eine Brauerei. Bereits als kleines Kind muss Crowley regelmäßig an den Bibelstunden teilnehmen. Als sein Vater 1886 stirbt, erbt Crowley ein Vermögen, das es ihm erlaubt, wirtschaftlich unabhängig seinen Studien nachzugehen. Er beginnt ein Studium der Geisteswissenschaften, das er alsbald abbricht. Dann kommt er durch Julian Baker 1898 zum "Hermetic Order of the Golden Dawn". Er zieht in London mit Allen Bennet zusammen. Beide zelebrieren die Zeremonien des Ordens. Crowley hat erste Kontakte mit Drogen (Opium, Kokain, Morphium, Äther, Chloroform). Der Orden des Golden Dawn in London verweigert ihm den Aufstieg in höhere Grade. Daraufhin verschafft sich Crowley durch den Gründer des Ordens, S.L.McGregor Mathers, die erforderlichen Unterlagen in Paris.

Es entsteht deshalb eine Spaltung des Ordens; Crowley tritt fortan souverän auf. Die ersten von Crowley entwickelten Inhalte halten sich anfänglich noch an die esoterische Tradition, bestehend aus hermetischen, alchemistischen und kabbalistischen Ideen im Zusammenhang mit den von Mathers verfassten Riten. Besonders wird heute in der esoterischen Bewegung der von Crowley geschaffene Tarot gepflegt. Doch bald schlägt Crowley neue Wege ein und entfernt sich durch die Praxis tantrischer und magischer Inhalte von der ursprünglichen Linie des Ordens und den bisher von der Esoterik gepflegten Inhalten. In Kairo verfasst Crowley sein zentrales Werk - das "Liber Al vel Legis", dessen Kern die Devise ist: "Tue, was du willst". Im Jahr 1907 gründet Crowley einen neuen Orden ("Astrum Argenteum"), den er 1910 zum Ordo Templi Orientis (O.T.O.) umgestaltet. Dann zieht er sich nach Cefalu auf Sizilien zurück, wo er in seiner Kommune "Abtei von Thelema" seine Experimente ausführt. Von Mussolini wird Crowley 1923 aus Italien ausgewiesen, ein Schlag, von dem er sich nicht mehr erholt. Nach England zurückgekehrt, führt er ein ärmliches Dasein. Vereinsamt und vom Heroin abhängig, stirbt er 1947. An Crowley kann man ein Leben studieren, das tabulos und bis in seine Untiefen die im Zusammenhang der Esoterik entwickelten Ideen in die Praxis umsetzt21.

 

Zusammenfassung

Die esoterische Bewegung entwickelt sich im Niemandsland zwischen den Religionen Christentum, Judentum, Hinduismus und Buddhismus. Sie ist getragen von der Idee, hinter der äußerlich vertretenen ("exoterischen") Religion gebe es noch einen tieferen ("esoterischen") Quell von Religion und Kultur, ja vielleicht sogar einen gemeinsamen Ursprung aller Religionen. Mit dieser These schließt die esoterische Bewegung an Spekulationen aus der Zeit der Renaissance an, die aber von der Religionswissenschaft heute nicht bestätigt werden. Die esoterische Bewegung bezieht sich nicht auf Ergebnisse der neueren geschichtlichen Forschung, sondern hält an Vorstellungen fest, die aus dem 19.Jahrhundert übernommen wurden. Lehren des Ostens (Hinduismus, Buddhismus) und des Westens (Alchemie, Astrologie, Gnosis, Hermetik, Kabbala, Magie) werden für das esoterische Denken herangezogen. Eine einheitliche Lehre der esoterischen Bewegung ist nicht entstanden, sondern ein vielfältiger Synkretismus, bei dem die einzelnen Elemente verschieden gewichtet sind22.

Die esoterische Bewegung spricht Bedürfnisse an, die religiöser Natur sind:

Das Phänomen der Esoterik kann man als ein Ergebnis zeitübergreifender Globalisierung ansehen. Heute bildet die esoterische Bewegung ein unübersichtliches Geflecht von oft willkürlich zusammengetragenen Inhalten. Das mag zu einer "metaphysischen Vereinzelung" des Menschen in unserer säkularisierten Gesellschaft beitragen. Man kann sich im Labyrinth der Esoterik verlieren. Andererseits zeigt die esoterische Bewegung aber auch, dass viele Menschen auf der Suche nach spiritueller Orientierung sind.


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    © Erik Dilloo - Heidger, Rottweil (März 2006)
    
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Fußnoten:

1    Antoine Faivre; Esoterik im Überblick. Geheime Geschichte des abendländischen Denkens. Freiburg/Basel/ Wien 2001 S.108

2    Eliphas Lévi; Cours de Philosophie Occulte - Lettres au Baron Sedalieri (1861-1863); deutsch: Einweihungsbriefe in die Hohe Magie und Zahlenmystik. Schwarzenburg 1980
Eliphas Lévi; Le Livre des Splendeurs (1870)

3    Ein deutliches Beispiel dieser Art gibt das in einschlägigen Kreisen viel gelesene Werk von Hans- Dieter Leuenberger: Das ist Esoterik. Freiburg/Br. 81999

4    Der Aegyptische Ritus von Mizraim wird 1789 in Mailand gegründet und dann 1805 nach Frankreich exportiert, 1838 von Jean Etienne Marconis mit einem Ritus versehen und 1862 mit dem Grand Orient von Frankreich vereinigt. In diese Freimaurerloge lassen sich viele führende Vertreter der Esoterik aufnehmen, darunter H.P. Blavatsky, Rudolf Steiner, John Yarker, Carl Kellner, Aleister Crowly.

5    Eliphas Lévi; "Dogma der Hohen Magie" Paris 1954 und "Ritual der Hohen Magie" 1956 (in hoher Auflage), gemeint sind "theurgische Rituale".

6    Agrippa von Nettesheim (1486 - 1535), suchte im Rückgriff auf Neuplatonismus, Gnosis und Kabbala nach den Mysterien der Natur. Er war für Goethe Vorbild für die Gestalt des Faust im gleichnamigem Drama. Agrippas Schrift "De occulta Philosophia" erschien 1533.

7    Postel ließ Auszüge aus dem Sohar, dem Jezirah und Bahir lateinisch drucken.

8    Auch Pico de Mirandola, Ficino, Athanasius Kircher begründeten diese Sichtweise mit dem Selbstverständnis der Kabbalisten, welche für sich beanspruchten, "Wahrer der mosaischen Tradition" zu sein.

9    Moses Ben Schem Tow de Leon (gest.1305) gilt als Verfasser des Sohar, der ersten großen kabbalistischen Schrift. Sie ist als Kommentar zu den wöchentlichen Lesungen aus der Thora verfasst.

10    Gershom Scholem; Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen, Zürich 1957; Frankfurt 1980 (TB) S.3

11    So vor allem in der Schule von Safed/ Palästina, wo Isaak Luria, Moses Cordovero, Gikatilla und Chaim Vital die ursprüngliche Bilderwelt außerordentlich erweitern.

12    Pico de Mirandola; Conclusiones sive Theses DCCC Romae anno 1486
Joannis Reuchlin; legum doctoris; De arte cabalistica libri tres. Hagenau 1517
Paulus Riccius (Leibarzt von Kaiser Maximilian); veröffentlichte Zitate aus der lateinischen Kabbala
Knorr von Rosenroth (1636 - 1689); Kabbala Denudata seu Doctrina Hebraeorum transcendentalis (...) Sulzbach 1677/84
Athanasius Kircher Oedipus Aegyptiacus. Rom 1623

13    Gershom Scholem; Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen; 1980 S.312

14    Martin Buber; Die chassidischen Bücher. Zitiert nach Ernst Müller; Der Sohar; Das heilige Buch der Kabbala. Wien 1932. Köln2 1984 S. 312

15    Die Kabbalah- Centers erfreuen sich unter englischen und amerikanischen Künstlern derzeitig großer Beliebtheit. Eine kritische Analyse dieser Bewegung gibt Rick Ross in http://www.rickross.com/groups/kabbalah.html

16    Gérard Encausse (alias Papus); La Cabale, Paris 1901 S.304 - 350

17    SRIA (1909), der AMORC (1909/1915), das Lectorium Rosicrucianeum (LR ab 1915/1924)

18    1887/1888 in London von William Robert Woodford, McGregor Mathers und Dr. William Wynn Westcott gegründet. Die Texte des Golden Dawn findet man in:
Israel Regardie; Das magische System des Golden Dawn. Freiburg 1987/88

19    Die Idee zum Tarot stammt ursprünglich von Alliette (alias Etteila); Les Sept nuances de l`oeuvre philosophique (1786)

20    Blavatsky zitiert hier Lévi (La Science des Esprits S. 37): "All dies," sagt Levi, "weil er dem Volke die Wahrheiten aufdeckte, die sie (die Pharisäer) für ihren eigenen Gebrauch aufzubewahren wünschten. Er hatte die okkulte Theologie Israels geweissagt, hatte sie mit der Weisheit Ägyptens verglichen und dabei den Grund für seine universelle Synthesis gefunden." (H.P.Blavatsky; Entschleierte Isis, BD II Leipzig 1909 S.202)

21    Aleister Crowley; Magick: In Theory and in Practice (1929)
Aleister Crowley; The Fountain of Hyacinth. A diary of the use of cocaine and heroin.

22    Ein Literaturverzeichnis zur Esoterik findet man unter der Adresse http://www.dilloo.de/esolit.htm