einige Zitate aus Eliades Werken

Mircea Eliade: Erlebnisse in der Yogi - Kolonie von Rishikesh (1930)1

Eliade berichtet von seinen Erlebnissen in der Yogi - Kolonie von Rishikesh, 30 km von Hardwar im Bundesstaat Uttar Pradesh entfernt, 230 km nördlich von Delhi. Hardwar, auch Gangadwara genannt, ist ein bedeutender hinduistischer Wallfahrtsort (200.000 Einwohner) im Bundesstaat Uttar Pradesh am Ganges:

"So schlicht und banal die Themen unserer Unterhaltung manchmal auch sind, man entnimmt den Worten des Swami immer eine geistige Tiefe, die sich auf allen Ebenen und in allen Ratschlägen manifestiert. Es kommt fast einem Magnetismus, einer Magie gleich, denn die Augen des Yoga-Eingeweihten erhalten einen metallischen, hypnotischen Glanz, einen Blick, den man nicht genau orten kann, der aber statisch, kalt, dominant wirkt. Wie alle im Svarga Ashram verachtet auch Swamiji die yogischen »Kräfte«, jene im abergläubischen Westen so viel diskutierten, streitbaren okkultistischen Demonstrationen. Ihr Yoga ist für sie eine Disziplin, die nur für den eigenen Gebrauch bestimmt ist, Reinigungskur des Körpers und Ordnungsagent im Chaos des Mentalen, unbefleckte, mächtige Stütze für Konzentrationsübungen, für Meditation und Samadhi (Trance). Und je besser diese Disziplin verinnerlicht wird, um so schweigsamer, zurückgezogener wird der Praktikant. Nach Jahren der Ausübung verlangt Sadhana schließlich, dass er jede Form von Gesellschaft hinter sich lässt - der Eremit zieht sich in die Berge Tibets zurück. Die Höhlen in dieser Gegend sind bevölkert mit Mönchen, die sich von Wurzeln ernähren und ihre Tage in für Aussenstehende nicht beschreibbarer Meditation verbringen, die vielleicht pure Selbsttäuschung sein mag - wie vor allem wir Europäer gerne glauben möchten -, aber auch eine Form reinster Konzentration, statischer Ekstase und metaphysischer Erkenntnis sein kann, etwas, was im Abendland seit dem alexandrinischen Zeitalter verlorenging 2.

Swami Purnananda aus Rishikesh schläft beispielsweise nie. In der Nacht arbeitet und meditiert er, am Tag gibt er seinen Lehrlingen Unterricht in Sanskrit und Religionsphilosophie. Von Mitternacht bis kurz vor Sonnenaufgang verharrt er in einer seltsamen Position, in gewisser Weise einer yogischen Trance, durch die man angeblich prophetische Fähigkeiten (Clairevoyance, Claireaudience) erlangt; doch darüber weiß ich nichts Genaues. Sicher ist nur, dass die Trance lediglich zwei Stunden dauert, und nach dem Rhythmus der Atmung zu schließen, kann man sie kaum als schlafenden Zustand beschreiben.

Als der Swami schließlich zum normalen Bewusstsein zurückfindet, stellt sich heraus, dass er die Lösungen für die von seinen Schülern gestellten philosophischen Fragen, aber auch für die schlichten Probleme des Alltags gefunden hat."

 

Das Leben der Eremiten im Svanga Ashram3:

"... Zum zweiten Mal läuten die Glocken. Es ist früh am Morgen, aber man sieht die Sonne nicht, weil sie auf der anderen Seite der Berge aufgeht. Krähen und Pfauen - einsilbiges Krächzen und jener metallisch- scharfe Weckruf wilder Pfauen. Die Kälte und Frische des Dschungels nach dem Wind der Nacht. Der Ganges mit dem Duft geschmolzener Schneernassen.

In ihren orangenen Roben gehen die Eremiten zur Waschung hinunter. Sie tauchen ein paar Mal vollständig ein, wobei sie Ohren und Nase zuhalten und Mantras murmeln. Danach waschen sie ihre Roben, breiten sie auf den Felsen zum Trocknen aus und ziehen sich in ihre Kutiars zurück. Man sieht sie erst wieder, wenn das Klopfen der Chetra zu hören ist, und dann machen sie sich barfüßig oder in Holzsandalen auf, um mit einem Messingteller ihr Essen zu erbetteln. Wie alle Inder essen sie mit den Fingern, sprechen dabei nicht und benützen ausschließlich die rechte Hand, denn die Nahrungsaufnahme ist eine Opfergabe für die Götter im eigenen Körper und somit eher ein Ritual. Die linke Hand stützt sich auf den Boden; man hält es in ganz Indien für eine große Unhöflichkeit, wenn ein Gast während der Mahlzeit etwas mit der linken Hand berührt. Die Reste werden weggeworfen oder den Kühen gegeben; niemand darf Nahrungsreste aufsammeln. Nach der Mahlzeit gehen die Eremiten wieder zum Fluss hinunter und waschen ihr Gesicht, den Mund und die Hände. Es gibt wohl kaum ein saubereres Volk als die Inder. Man hält das Bad hier nicht für etwas Notwendiges, sondern für etwas absolut Unverzichtbares. Die Mehrheit der Menschen hier nimmt täglich zwei Bäder. Außerdem waschen sie sich die Hände und das Gesicht sorgfältig vor und nach den Mahlzeiten und wiederholen nach jedem unreinen Akt - welcher Art auch immer - die Morgenwaschungen.

Sicher, es gibt unter den »Orthodoxen« solche, die dieses Ritual übertreiben. Sie baden und wechseln ihre Kleidung nach jedem Kontakt mit Fremden und sind nur bereit, mit Männern aus der eigenen Kaste zu essen. Wenn sie auf der Straße auch nur der Schatten eines Shudras (Nichtarier) streift, machen sie kehrt und baden sofort, da sie sich für unrein halten.

Der Svarga Ashram ähnelt jenem Kloster Rabelais, »jeder tun kann, was er will«. Nicht einmal die religiösen Dienste im Shiva-Tempel, wo allabendlich Girlanden aus roten Blumen geflochten werden, sind obligatorisch. Hundertdreißig Sadhus wohnen hier, aber zum Tempel kommen nie mehr als zwei bis drei. Nichts ist für den obligatorisch, der endgültig den weltlichen Pflichten entsagt hat. Ihr Gott ist derselbe, aber jeder nennt ihn nach seinem Gutdünken. Die einen geben ihm den Namen Narayana, die anderen Shiva, wieder andere Shankara, und es gibt bestimmte Sadhus, die sich mit dem immergleichen Mantra begnügen - »OM« -, das die unsagbare Gegenwart des Göttlichen symbolisiert. Wenn sie sich treffen, lautet der Gruß immer gleich: »OM! Namo Narayana!« (»OM! Ehre Narayana!«). Wenn sie aber erfahren, dass jemand Gott unter dem Namen Shankara anbetet, so begrüßen sie ihn mit dem Ausruf: »Shankara! Shankara!«

Mein Naga (nackter Asket) stammt aus Punjab. Er ist kräftig gebaut, ein schöner Mann, der die Ausstrahlung eines Heiligen besitzt und sich weder in Theologie noch in Moral oder Metaphysik, ja nicht einmal in Sanskrit auskennt, mir aber sagt, dass Gott wirklich kleinlich wäre, wenn er sich nur denjenigen offenbaren würde, die Sanskrit verstehen. Mein Naga praktiziert keine aggressive Form der Askese, sondern beschränkt sich mit einer naturhaft anmutenden Kargheit, indem er seine Tage mit der Lektüre jener riesigen Bhagavata- Purana und der Wiederholung des immergleichen Wortes »Shankara«, verbringt. Als ich

mich nach der Möglichkeit der Erlösung seiner Seele erkundige, antwortet er, dass allein die Aussprache des göttlichen Namens genüge, um erlöst zu werden. In der Nacht praktiziert er allerdings das Yoga des Atman (pranayama), und er hat mich schon oft in seine Hütte eingeladen, um mir diese furchteinflößende Technik beizubringen, durch die man den Zustand der Bewusstseinsklarheit in traumlosen Schlaf, ja sogar in Katalepsie überführen kann. Seine Methode folgt der wohlbekannten Hathayoga- Schule, wie sie im Himalaya und in ganz Tibet angewandt wird. Er verstopft seine Ohren mit Wachs, nimmt eine stabile Position ein (asana), indem er die Beine kreuzt, die Wirbelsäule senkrecht hält (damit der Sakralplexus, der Prostataplexus, der Pharyngealplexus zusammen mit dem solaren, dem kardialen und dem kavernösen Plexus auf einer Geraden liegen, die bei dem muladhara beginnt und bei dem sahasrara endet), hält die Hände ruhig auf den Knien und richtet seinen Blick auf jenen »subtilen Plexus« (ajna-chakra), der sich zwischen den Augenbrauen und dem Siebbein befindet. Nachdem er so den notwendigen Grad an Konzentration erlangt hat (pratyahara, d.h. die Aufhebung der peripheren Aktivität der Sinnesorgane), saturiert er das Bewusstsein durch die ständige Wiederholung des OM- Mantras und lässt den Atemrhythmus immer langsamer werden, indem er in immer längeren Zeitabständen ein- und ausatmet, so lange, bis dieser Abstand bei vier Sekunden liegt. Der Körper verfällt in eine rigide, manchmal kataleptische Starrheit. Nach dem Rhythmus der Atmung zu schließen, schläft der Asket jetzt, und zwar in dem Sinne, dass alle sensorische und mentale Aktivität eingestellt ist. In diesem von den Grenzen des wachen, alltäglichen Bewusstseins befreiten Zustand erforscht der Naga die unzugängliche Sphäre des Schlafs. Die pranayama- Technik hat im übrigen keinen anderen Zweck als den, das klare Bewusstsein in solche Zonen zu überführen, die üblicherweise unter- oder unbewusst sind.

Auch als ich seine Hütte verlasse, behält der Naga diese statuenähnliche Haltung bei. Kein Muskel zuckt. Man kann die Phasen der geregelten Atmung genau beobachten: Zuerst ist die Anschwellung der unteren Seite des Brustkorbes durch die Anziehung des Zwerchfells zu sehen, dann die Anschwellung der Medianebene durch die Anhebung des Brustbeins und schließlich die Anschwellung der oberen Partie durch die Biegung des thorakalen Bogens - so, wie es in jedem Hathayoga-Traktat beschrieben ist.

... Die Freiheit der Eremiten bedeutet nicht nur das Befreitsein von den allgemeinen religiösen Praktiken, sondern betrifft jeden Aspekt des persönlichen Verhaltens. jeder kann tun und lassen, was er will, anbeten, was ihm gefällt; und Jeder respektiert den Glauben des anderen. Niemand legt die absolute Haltung des Europäers an den Tag, welcher meint, dass er allein den wahren Gott gefunden habe und jeder andere ein Häretiker sei. Niemand versucht, einen anderen zu bekehren (das Bekehren - der semitische Aberglaube des intoleranten und proselytischen Monotheismus). Ihre Diskussionen drehen sich um Brahma, den Einen, den immanenten und doch transzendenten Gott (transzendent deswegen, weil er unwandelbar ist, keine Qualitäten hat und nicht über Relationen definiert werden kann). Ihre heiligen Bücher sind die Bhagavad-Gita, die Upanishaden, die Imitation Christi, die Brahma- Sutra mit Shankaras Kommentar und die Yoga- Sutra mit Patanjalis Kommentar 4. Aber sie lesen nicht den ganzen Tag, sondern meditieren, praktizieren und setzen die in diesen Schriften offenbarte Weisheit in die Tat um. Sie bleiben fast den ganzen Tag in ihren Kutiars und beten. Aber ihr Gebet ist nicht immer eins der Hingabe im christlichen Sinne, sondern eher eine geistige Übung, innere Reinigung und metaphysische Athletik. Natürlich, nicht alle sind Philosophen, aber fast alle besitzen ihre eigenen Denkmittel. Manchmal bewegt sich ihr Denken in mediokem, einfältigem und bescheidenem Rahmen und folgt dem buchstäblichen Sinn der Gita und der religiösen Volksliteratur, die bis zum Überdruss das ständig gleiche Leitmotiv der fundamentalen Identität Atman- Brahman wiederholt. Diskussionen mit solchen Sadhus sind ermüdend und fruchtlos, doch kann niemand genau sagen, wieweit sie jene banale Wahrheit verstanden und bis zu welchem Punkt ihr »Dogma« bloß eine leere Formel darstellt."

 

Mircea Eliade: Autobiography - Ein Versuch in Tantra Yoga 5:

"On Christmas Eve a female cellist from Johannesburg arrived at Svarga Ashram. Swami Shivananda took her under his wing, and to everyone's surprise she was allowed to live in a house built by a Maharani, right on the bank of the Ganges. Jenny had left Johannesburg and her music forever to go in search of "the Absolute" in India. Dressed in a simple white sari, she would sit in meditation on her terrace or listen to Swami Shivananda explaining the rudiments of Vedanta philosophy. An old Indian woman from Hardwar had lent her a gramophone and a few records. Sometimes in the evenings Shivananda would come to listen to the Unfinished Symphony or the Jupiter Symphony, and Jenny would serve us cocoa.

I believed I had made my position clear, but destiny had decided otherwise. Swami Shivananda left for Benares and Jenny begged me to continue her Vedanta lessons. I replied that I could not do it: on the one hand I didn't have time, and on the other hand, Vedanta wasn't my interest. I explained why. I told her about Samkhya Yoga, about my thesis and Tantrism, adding that Tantric yoga in particular interested me, but I did not go into detail. Having come to India to search for "the Absolute,- Jenny was not going to be put off by my reserve and indifference. Discreetly but very adroitly she managed to draw me into discussions in which she always learned something more about Tantric rituals. She continued to invite me for cocoa on her terrace, and although I refused as often as I could, I agreed to go once or twice a week.

Once I had promised to come and I forgot. That evening I heard a timid knocking on the door of my kutiar. Blushing, embarrassed, with tears in her eyes, jenny confessed that she had waited all afternoon until at last she had burst into tears, feeling humiliated and scorned. I excused myself as best I could, but because I saw she was quite depressed I said I would come after a little while so we could listen to Peer Gynt together.

I realised later how an ordinary detail, an event without any apparent significance, can radically alter your life, thrusting you onto a course which, only a few hours before, had seemed improbable or of no concern to you. My life in India would have been entirely different had I not gone to visit Jenny that February evening. As I entered, I sensed that something had changed-in the atmosphere of that large, white-walled room with its windows overlooking the Ganges, and in Jenny's appearance and behaviour. It was not only the fact that for the first time she was wearing lipstick and was dressed in a sari of transparent silk. It was especially the premonition that a difficult ordeal was awaiting me, and that this ordeal was of an initiatory order; that is, that a later fulfilment or a lamentable failure would hinge upon it.

In the hour that had elapsed since I had found her, tearful and humiliated, at my door, Jenny had undergone a total transformation. By what miracle she had recovered the mystique of her own body, and had acquired an almost ritualistic seriousness in her voice and a secret light in her eyes, I never understood. But for this Jenny I did not feel sorry! Indeed, she almost frightened me. In place of the meek, timid, lovesick girl who had bored and confounded me, there now appeared a being whose mere presence provoked a confrontation with myself. I felt that whatever course I might take, I would never be able to regain the serenity and plenitude that I had won through such great effort in the past five months. If I should return at once to my kutiar, I would have to say that I had been afraid of the first real temptation that had crossed my path and I should feel humiliated for the rest of my life. But if I accepted what appeared to be the inevitable, my stay in the ashram would become ridiculous and humiliating.

As at so many other times in life, a solution was found between the two alternatives. Actually, it was after Jenny had brought me a cup of cocoa, when she asked me if I had ever seen a flesh and blood nayika that I understood. The sensation of a ritual atmosphere that had disturbed me ever since I had entered the room was this: without realising it, Jenny was embodying a nayika the consecrated partner in certain Tantric ceremonials. I replied that, not being initiated, I was not allowed to look upon a nayika in her ritual nudity. "Couldn't we be initiated together?" Jenny asked. "It's impossible without a guru," I replied. 'We could look for one," Jenny persisted, "and until then...."

I knew what she meant. Until we could find a guru (and I knew in advance that we would not find one in this ashram) we could try the preliminary rituals of which I had once spoken to her. But such rituals also entailed a great deal of risk. It was, however, beyond my powers not to brave them.

From then on I came late, after midnight, and returned to my kutiar an hour before dawn. I succeeded in preserving my lucidity and self-control, not only in the "preliminary rituals," but also in all that followed. Jenny was astonished, but I sensed that I was on the road to becoming another man. Sometimes I slept only two or three hours a night, yet I was never tired. I worked all the time, and I worked better than ever before. I understood then the basis of all that vainglorious beatitude that some ascetics, masters of Hathayoga, proclaim. I understood, too, the reason why certain yogis consider themselves to be like the gods, if not even superior to them, and why they talk about the transmutation and even the immortality of the body.

Upon returning to my hut one morning in March, I found my naga neighbour waiting for me in the doorway. "I know where you've been," he said as soon as we had entered the kutiar. I believe you could be compared with Maha Bhairava! But do you have enough virya (energy) to proceed on this path? People of today are impure and weak. Very soon you will feel a strong fever in the crown of your head. You will know then that you do not have much time. It is better that you stop before this happens."

He had spoken as clearly as he could, using whole clauses of Sanskrit so that I could understand him. I understood him.
"But what if I find a guru?" I asked.
"You already have a guru," he said, smiling. Then he saluted me, bringing his palms together in front of his face, and returned to his hut."

 

Fußnoten / Literaturangaben:

1 Aus: Mircea Eliade Indisches Tagebuch
(Reisenotitzen 1928 - 1931) herausgegeben, aus dem Rumänischen übersetzt und mit einem Vorwort von Edward Kanterian. München 1996 S. 331-333
2 Siehe auch Mircea Eliade; Yoga. Essai sur les origines de la mystique indienne, Paris 1936 S.118
3 Mircea Eliade Indisches Tagebuch s.o. S. 335-339
4 an anderer Stelle (a.a.O.S. 345) berichtet Eliade von einem anderen Yogi, der den Kommentar von Vachaspati über die Vedanta - Sutra - Bhashya von Shankaracharya las.
5 Mircea Eliade; Autobiography Volume I: 1907 - 1937 translated from the Romanian by Mc Linscott Ricketts. San Francisco 1981 S. 196 - 198